KAPITEL VI

BESCHNEIDUNG

 

1. EINLEITUNG ZU KAPITEL VI

1.1  Fragen zur Terminologie
Nach 1978, mit dem Anwachsen der Literatur über weibliche Beschneidungen, hat sich der Name Female Genital Mutilation (FGM) für alle Typen der weiblichen Genitaloperationen allgemein mit der folgenden Definition durchgesetzt:
Partial or total removal of the external female genitalia or other injury to the female genital organs for non-medical reasons (WHO, UNICEF and UNFPA 1997).
Aber auch gegen diesen Begriff (FGM) gab es Bedenken. Zum Beispiel argumentierte die afrikanischen Feministin Obioma Nnaemeka 2005, dass dieser Begriff “introduced a subtext of barbaric African and Muslim cultures and the West’s relevance (even indispensability) in purging it (Endnote 1a)”.
Der immer noch häufig (auch von Nnaemateka) gebrauchte Begriff “female circumcision” bzw. “weibliche Beschneidung” (auch von mir in der 1. Auflage) wird vor allem von Feministinnen abgelehnt, da er eine zu große Äquivalenz der männlichen und weiblichen Beschneidung ausdrückt. Die weibliche Beschneidung übertrifft in ihrer Grausamkeit und ihrem Ausmaß die männliche Beschneidung bei weitem, und ihre physischen und psychischen Nachwirkungen sind viel gravierender.
Für die Bulsa-Beschneidungen passt, auch nach neueren Definitionen, der Name “Exzision”, der in Wikipedia (S. 5) unter Typ II als “removal if the clitorial glans and inner labia” definiert wird. Mit Bezug auf die Entfernung der “outer labia” erhielt ich von Bulsa unterschiedlich Auskünfte. Knudsen (1994: 148 konnte jedoch solche Operationen bei den Bulsa beobachten.

1.2  Methodische Schwierigkeiten bei der Materialsammlung
Bereitet die Teilnahme an anderen Riten der Bulsa dem Fremden schon Schwierigkeiten, so steigern sich oft Misstrauen, Angst, Schüchternheit und Minderwertigkeitsgefühle der Betroffenen, wenn man an einer Beschneidungszeremonie teilnehmen will oder ein Mädchen nach ihrer eigenen Beschneidung fragt. Ein Teil der Zurückhaltung mag auf den Geschlechtsunterschied des männlichen Forschers und der weiblichen Befragten zurückzuführen sein, ein anderer Teil darauf, dass die Exzision unter dem Präsidenten Kwame Nkrumah verboten wurde (Siehe Endnote 33). Am schwersten wiegt jedoch wohl der kulturelle Unterschied zwischen dem europäischen Beobachter und Fragesteller und dem Bulsa-Mädchen. Die Mädchen wissen, dass es in Europa keine Exzisionen gibt und die meisten Europäer diese Praxis als grausam und barbarisch betrachten.
So war es mir auch (vor 1978) nicht möglich, die Beschneidungsaktivitäten in ihrem ganzen Ablauf zu beobachten. Ich konnte nur durch kurze Ausschnitte einen Einblick gewinnen, der eher dazu geeignet war, die allgemeine Atmosphäre und Begleitumstände (Ort, Zeit, Personenanzahl usw.), als einzelne rituellen Handlungsabläufe genauer kennen zu lernen.
Die unten aufgezeichneten ethnographischen Daten sind neben den fragmentarischen Eigenbeobachtungen durch verschiedene Arbeitsmethoden gewonnen worden.

1. Am ergiebigsten war das mündliche Interview, dem sich jedoch nur drei beschnittene Mädchen (die Schülerinnen Azuma und Felicia und die Analphabetin Aguutalie [Endnote 1b]) nach anfänglichem Zögern stellten {199}, dann aber ohne große Scheu auch die intimsten Fragen beantworteten, entsprechende Lieder auf das Tonband sangen und Körperstellungen und rituelle Handlungen ohne besondere Aufforderung demonstrierten.

2. Mehrere Mädchen waren zwar bereit, über ihre Beschneidung zu berichten, wollten sich aber nicht direkt dem Fremden in einem mündlichen Interview stellen. So musste ich drei junge männliche Bulsa instruieren, mit beschnittenen Mädchen in Kontakt zu treten. Die Mädchen wurden aufgefordert, einen freien schriftlichen Bericht über ihre Beschneidung niederzuschreiben oder, falls sie nicht schreiben konnten, in Buli auf mein Tonband zu sprechen. Außerdem sollten sie vierzehn Standardfragen2 beantworten. Diese Fragen zielten größtenteils auf äußere Fakten der Beschneidung (Ort der Beschneidung, Zeit, Alter, Anzahl der Mädchen, verheiratet oder ledig, Begleitung, Beschneider usw.). Nur die beiden letzten Fragen sollten Einstellungen der Mädchen zu ihrer Beschneidung stellen. So kamen fünfzehn freie Berichte und fünfzehn ausgefüllte Fragebögen in meinen Besitz. Es ist mir klar, dass gerade die Fragebögen nur einen begrenzten wissenschaftlichen Wert haben, da die fünfzehn Interviewten keineswegs durch ein echtes random sample ermittelt werden konnten [Endnote 2], und gerade die Aussagen über die persönliche Einstellung stark verfälscht sein können, da sich ja wohl besonders die Mädchen einem Interview stellten, die über ihre Exzision keine tiefe Beschämung empfanden. Es soll daher auch hier kein Versuch einer quantitativen Auswertung gemacht werden.

3. Zur Ergänzung wurden auch männliche Personen, die etwa als klassifikatorische Väter oder Brüder des beschnittenen Mädchens an der Exzision teilgenommen haben, interviewt und zur Abfassung eines Berichts aufgefordert {200}.

4. Bei der einzig von mir vollständig beobachtete Beschneidung (1988) hatte ich den Eindruck, dass ich kein größerer Störfaktor war. Mein Begleiter, der Gehöftherr, bestand darauf, dass ich meine Kamera mitnahm. Ich habe jedoch meine fotografischen Aufnahmen auf die der Operation folgenden Riten beschränkt und bin zum Teil explizit hierzu aufgefordert worden.
Nach der Ankunft im Wohngehöft der beiden Frauen bedankten sich ihre Ehemänner einzeln bei mir für meine “Hilfe” (maaka).

 

2. EXZISION IM BULSA-LAND

Folgende Beschneider (ngarido, Pl. ngaridoba) führen meines Wissens z.Z. (1974) Beschneidungen im Bulsa-Gebiet aus:

1. Ein älterer Bulo aus Chuchuliga, dem in Zeiten des Hochbetriebes ein jüngerer Mann aus Chana hilft.
2. Eine islamische Kantussi-Frau (etwa 40-50jährig) aus Chana Katiu.
3. Ein jüngerer Mann aus Bolgatanga.

Die Kantussi-Frau aus Katiu gab Auskunft über ihr “Amt” und ihre Arbeit. Das “Amt” des Beschneiders bzw. der Beschneiderin ist in ihrer Familie erblich. Sie erbte es von ihrem Vater und wird es an das fähigste ihrer Kinder weitergeben. Sie beschneidet Jungen (circumcisio der Vorhaut), Mädchen (Klitoridektomie) und schneidet Stammesnarben. Bei den Bulsa verrichtet sie jedoch nur Mädchenbeschneidungen in der Zeit von Anfang Oktober bis April, vornehmlich aber im Oktober.
Diese Zeitangaben stimmen in etwa mit den Aussagen der anderen Informanten überein. Die fünfzehn befragten Mädchen gaben folgende Auskunft über den Monat, in dem sie beschnitten wurden: Oktober: 2, November: 3, Dezember: 5, Januar: 1, Februar: 2, März: 1, weiß nicht: 1.
Als ich Ende Dezember (1973) in Fumbisi an einer Beschneidung teilnehmen wollte, sagte mir der Beschneider, dass die meisten Mädchen dieser Beschneidungsperiode (Trockenzeit) bereits beschnitten seien {201} und nur noch wenige erwartet würden.
Für das passende Alter der zu beschneidenden Mädchen (kaliak, Pl. kalaasa) gibt es keine genauen Richtlinien, jedoch liegt es wohl meistens zwischen körperlicher Reifung und erster Hochzeit. Von den Mädchen, die mir Auskunft gaben, war das jüngste zur Zeit der Exzision 12, das älteste 17 Jahre alt. Das 17jährige Mädchen betonte, dass es das älteste der Beschneidungsgruppe war. Ein Mädchen aus Sandema-Kori erhielt von seinen Eltern zunächst nicht die Erlaubnis zur Beschneidung, da es noch zu jung sei. Es lief allein zum Beschneider, die Eltern folgten später, und der Beschneider überzeugte die Eltern, dass ihre Tochter schon das rechte Alter habe. Dieses Beispiel zeigt, dass auch bei den Bulsa selbst oft unterschiedliche Auffassungen über das richtige Beschneidungsalter bestehen.
Aus dem Beispiel geht auch hervor, dass der Anstoß zur Beschneidung meistens vom Mädchen selbst ausgeht. Wenn auch die Eltern ihrer Tochter immer wieder zur Beschneidung raten und mitunter sogar Druckmittel anwenden, ist die Haltung des Mädchens selbst letzthin entscheidend. Andererseits wird kein Beschneider eine Exzision durchführen, wenn nicht klassifikatorische Eltern oder Angehörige des Hauses erscheinen und ihre Zustimmung geben. Ein einziger Fall ist mir bekannt, bei dem der Beschneider nicht die Ankunft der Begleitergruppe aus dem Hause des Mädchens abgewartet hat. Azuma aus Wiaga-Chiok lief zu einem Gehöft in Chuchuliga, in das eine Frau ihres Hauses (in Chiok) eingeheiratet hatte. Als ihre Verwandten aus Chiok (eine andere Frau ihres Vaters und ein Bruder) auf sich warten ließen, wurde Azuma schon vor deren Ankunft mit Zustimmung der “Tante” aus Chuchuliga beschnitten.
Wenn das Mädchen schon verheiratet ist, wird auch der Gatte und der yeri-nyono des Hauses eine Einwilligung zur Beschneidung geben müssen. Ist es als doglie (vgl. S. {41} und {388}) im Hause der Schwester des Vaters, so geht der Anstoß mitunter auch von dieser Frau aus, und ohne ihre Zustimmung ist eine Beschneidung nicht möglich.
Zur Motivierung ihres Beschneidungswunsches werden von den betroffenen Mädchen folgende Aussagen gemacht:

1. Meine Mutter wurde beschnitten, meine Großmutter wurde beschnitten, es war bei uns immer so. Deshalb möchte auch ich beschnitten werden {202}.
2. Wenn man beschnitten ist, wird man nicht mehr von Männern und beschnittenen Frauen beschimpft, dass man eigentlich ein Mann sei, d.h. nur durch die Beschneidung kann man eine richtige Frau werden[Endnote 3].
3. Ein beschnittenes Mädchen wird leichter einen Mann zum Beischlaf (vor und in der Ehe) bekommen.
4. Ich möchte von anderen (unbeschnittenen) Mädchen verschieden sein.
5. Wenn man beschnitten ist, wird man später eine leichte Geburt haben.
6. Wenn ich beschnitten bin, werde ich später die Begräbnisfeier einer Frau bekommen und nicht die eines Mannes, wie es bei unbeschnittenen Frauen der Fall ist [Endnote 3a].

Die Beweggründe 2 und 3 sind natürlich miteinander verwandt, denn wegen der größeren Weiblichkeit ziehen manche Bulsa den Verkehr mit beschnittenen Mädchen vor. Dieser Doppelgrund scheint meines Erachtens auch der wichtigste Beweggrund neben dem rein traditionalistischen ersten zu sein.
Das oben erwähnte Mädchen aus Sandema-Kori, das vorzeitig gegen den Willen der Eltern zum Beschneider lief, hatte es so eilig, weil es heiraten wollte. Sie wagte jedoch nicht, unbeschnitten zu heiraten, da sie einmal in ihrem Haus zufällig mitangehört hatte, wie ihr Bruder eine seiner Frauen beschimpfte, dass sie ja eigentlich ein Mann sei, weil sie nie beschnitten wurde. Gegen Ende ihres Berichtes beschimpft meine Informantin ihrerseits alle unbeschnittenen Mädchen:

Those girls going about after men and have not been excised, these are stupid girls to me. If I were a man, I would not use my penis on them at all {203}.

(2022) Wenn oben behauptet wurde, dass der Anstoß zur Beschneidung fast immer von den Mädchen ausgeht oder zumindest mit ihrer völligen Zustimmung geschieht, so ist mir doch ein Fall bekannt geworden, dass ein schulentlassenes Mädchen von ihren Eltern zu dieser Operation gezwungen wurde.
Atani (Name geändert) bezichtigte einen verheirateten Mann der sexuellen Belästigung. Der Mann bestritt dieses nicht nur, sondern bat ein tanggbain den Schuldigen in diesem Konflikt zu bestrafen. Diese Handlung wurde als Fluch (kaka) angesehen. Atani benahm sich hiernach wie ein Junge und nahm an ihren Spielen teil und zerschlug den ganzen Töpfe-Vorrat ihrer Mutter. Diese bestrafte ihre Tochter hiernach mit einer erzwungenen Exzision, auch wenn man Angst hatte, dass sie hiernach wegen des Fluchs am tanggbain sterben könnte. Nach der Beschneidung traten bei ihr starke Blutungen auf. Wie sich nach dem Besuch eines Wahrsagers (baano) und der Untersuchung einer lokalen Hebamme herausstellte, lag der Grund für die Blutungen in einer Schwangerschaft, die in einer Fehlgeburt endete. Starke Beschwerden (zum Beispiel Schwindel) blieben auch danach bestehen. Hierauf nahm der beschuldigte Mann durch das pirintika– [revoking] Ritual seinen Fluch zurück und auch Atani unterzog sich diesem Ritual und bekannte, dass sie den Mann zu Unrecht beschuldigt hatte.

 

3. AUSFÜHRUNG DER BESCHNEIDUNG

Haben sich Mädchen zur Beschneidung (ngarika) entschlossen, so können sie diesen Beschluss ihren Eltern mitteilen. Häufig laufen sie jedoch ohne Benachrichtigung der Eltern allein oder mit Freundinnen zu dem Haus, bei dem die Beschneidungen vorgenommen werden sollen. Die Eltern erfahren dann von anderen, wo ihre Tochter ist. Wurden sie rechtzeitig durch ihre Tochter selbst informiert, so sollen sie die Nachricht einen Tag geheim halten, dann stellen sie mit Nachbarn, die oft auch Verwandte sind, eine Gruppe zusammen, die am Beschneidungstag die Bezahlungen vornehmen und dem Mädchen seelische und körperliche Unterstützung geben wird.
Die Information, dass jedes Nachbarhaus einen Mann und eine Frau stellen muss, konnte nicht allgemein bestätigt werden, es scheint sogar so zu sein, dass die meisten Begleiter aus dem eigenen Hause kommen. Obwohl die Antworten der Mädchen nach ihren Begleitern oft nicht sehr exakt sind (… some wives of my father…), kann man annehmen, dass jedes Mädchen etwa 5-10 Begleiter hat. Zu einer Beschneidung eines einzelnen Mädchens in Fumbisi, bei der ich für kurze Zeit Zuschauer aus der Ferne sein durfte, waren jedoch etwa 20 nur weibliche Verwandte des Mädchens gekommen.
In einem 1988 in Kadema beobachteten Fall begleiteten von den 18 verheirateten Frauen eines bestimmten Gehöftes neun die Beschneidungsgruppe, darunter eine hochschwangere Frau. Außerdem hatten sich zwei jüngere Männer, die nach meiner Beobachtung kaum eine Funktion bei der Beschneidung hatten, der Gruppe angeschlossen. Der Gehöftherr des Wohngehöfts der Mädchen meldete vor dem Betreten des Beschneidungshauses das bevorstehende Ereignis beim Häuptling von Kadema an.
Folgende Verwandtschaftsbezeichnungen für die Begleiter wurden von den unverheirateten Mädchen genannt: Eltern, Mutter, andere Frauen des Vaters, Bruder, Schwester, Frau des Bruders, “Onkel”, “Tante”.

Nur ein Mädchen erwähnte einen Nichtverwandten, nämlich den Freund ihres Bruders. Ist das Mädchen schon verheiratet, und dies ist bei 7 der 15 befragten Mädchen der Fall, so ist es möglich, dass nur die Schwiegermutter und andere Bewohner aus dem Haus und der Nachbarschaft des Gatten zur Beschneidung gehen, jedoch keine Blutsverwandte des Mädchens.
Die Auskunft der Beschneiderin von Katiu, dass die Eltern längere Zeit vor der Beschneidung ihre Tochter mit einem Huhn bei ihr anmelden, kann nicht allgemein gelten, denn es geschieht, wie gesagt, recht häufig, dass das Mädchen ohne Wissen der Eltern allein oder höchstens mit {204} Freundinnen, die auch beschnitten werden sollen, zum Beschneider läuft. Ich glaube, dass hierdurch nicht nur die Selbständigkeit des Entschlusses und die tapfere Haltung des Mädchens ausgedrückt werden sollen, ich sehe auch eine wichtige Trennung (séparation im Sinne van Genneps [Endnote 3b]) des Mädchens aus seiner bisherigen sozialen Umwelt, in die es nach der Beschneidung schrittweise wieder eingegliedert wird (agrégation), wenn auch sein eintägiger Aufenthalt in einem fremden Gehöft, weit entfernt von allen Verwandten, nur ein schwaches Abbild einer Seklusionszeit sein mag.
Wenn bisher gesagt wurde, dass die Mädchen zum Hause des Beschneiders laufen, so ist hiermit nicht immer ein Haus im Heimatort des Beschneiders gemeint. Vielmehr reist der Beschneider, vor allem wenn er sonst außerhalb des Bulsa-Gebietes wohnt, in ein Dorf und wird dort als Gast in einem Gehöft aufgenommen. In Fumbisi-Baansa hatte z. B. der Beschneider aus Bolgatanga für einige Monate beim Sektionsältesten Aufnahme gefunden. Auch die Mädchen wohnen dann von ihrem Eintreffen bis zur Beschneidung bei diesem Gastgeber. Falls am nächsten Morgen die Verwandten erscheinen, werden die Mädchen gewöhnlich sofort beschnitten. Allerdings möchte man die Beschneidung möglichst in den kühlen Stunden des Frühmorgens durchführen, und zu spät eintreffenden “Eltern” und Verwandten kann zugeredet werden, doch am nächsten Morgen wieder zu kommen oder bis zum nächsten Morgen zu warten. Die Beschneidungen finden gewöhnlich nicht vor 7 Uhr und selten nach 11 Uhr morgens statt.
Die eingetroffene Verwandtengruppe verhandelt nach der Begrüßung über das Entgelt des Beschneiders. Wenn auch von Informanten immer wieder behauptet wird, dass die Frage der sexuellen Unberührtheit erst kurz vor der Beschneidung gestellt wird, so muss doch logischerweise die Klärung hier schon erfolgen, denn die Zahlungen richten sich nach dem Ausgang dieser Frage. Da die Verwandten oft von weit her kommen, wird diese Angelegenheit mitunter schon zu Hause diskutiert worden sein, denn sie müssen wissen, welche Dinge sie mitzubringen haben. Obwohl Zuschauer schon an den mitgebrachten Tieren erkennen können, ob das Mädchen schon Sexualverkehr gehabt hat, findet die Besprechung mit dem Beschneider gewöhnlich ohne viele Zuhörer statt. Ein Informant sagt, dass sich der Beschneider, die Verwandten und das {205} Mädchen zu diesem Gespräche in eine leere Hütte (dok) zurückziehen.
Über die Art und Höhe der Bezahlung gehen die Auskünfte meiner Informanten auseinander, und es scheint auch örtliche und zeitliche Unterschiede zu geben. Ich wollte die Frage nach der Bezahlung in die Reihe der Standardfragen an die beschnittenen Mädchen aufnehmen, aber meine männlichen Helfer rieten ab. Diese Frage sei sehr unhöflich und würde den Mädchen große Verlegenheit bereiten, da es indirekt die Frage nach ihrer sexuellen Unberührtheit sei.
Hier sind die unabhängig eingeholten Auskünfte über Bezahlungen an den Beschneider:

1. Bezahlung für Jungfrauen:
Aguutalie, eine beschnittene Frau aus Kadema: 1 schwarzes Huhn, 1 Korb Kolbenhirse, 40 Pesewas
Azuma, eine beschnittene Schülerin aus Wiaga-Chiok: 1 schwarzes Huhn, 2 Korb Hirse.
Agaalie, eine Frau aus Wiaga, die zur Zeit ihrer Beschneidung in Sandema-Abilyeri verheiratet war: 1 Korb Kolbenhirse und Mehl
L. Amoak (Wiaga-Badomsa): 1 schwarzes oder braunes Huhn, 1 Hacke, 1 Korb ungedroschener Kolbenhirse, 1 Cedi (früher 20 Pesewas)
G. Achaw (Sandema-Kalijiisa): 1 weißes Huhn und Beigaben (Hacke, Tabak usw.)
R. Asekabta (Sandema-Abilyeri): 1 schwarze Huhn, 1 Korb ungedroschener Kolbenhirse
Augustin Akanbe (Sandema-Balansa): 1 schwarzes Huhn, 1 Korb Hirse, 50-70 Pesewas (früher 2-4 Pesewas)
Charles (Sandema-Balansa): 1 schwarzes Huhn, 1 Korb Hirse, 1 Hacke, ca. 1 Cedi.
Ali (Sandema-Balansa): 1 dunkles Huhn und Geld {206}

2. Bezahlung für deflorierte Mädchen (in der Ehe oder vorher):
Aguutalie: 1 schwarzes und 1 weißes Huhn, 1 Korb Kolbenhirse, 2 Cedi
Azuma: 1 weißes Huhn u.a.
L. Amoak: 1 schwarzes und 1 weißes Huhn, 1 Korb ungedroschener Kolbenhirse, 1 ungebrauchte Kalebasse, 1 Hacke, 2 Cedi (früher 50 Pesewas)
G. Achaw: 1 schwarzes Huhn und andere Dinge
R. Asekabta: 1 weißes Huhn, 1 Hacke, 1 Cedi
Augustin Akanbe: 1 schwarzes und 1 weißes Huhn, 1 Korb ungedroschener Hirse
Charles: 1 schwarzes und 1 weißes Huhn, 1 Korb Hirse, 1 Hacke, 2 Cedi
Ali: 1 weißes Huhn und andere Dinge

3. Bezahlung, wenn das Mädchen schon in der Ehe oder vorehelich ein Kind geboren hat:
Aguutalie: 2 schwarze Ziegen, 1 schwarzes und 1 weißes Huhn, 1 Korb Hirse
L. Amoak: 1 Schaf, 1 schwarzes und 1 weißes Huhn, 1 Korb ungedroschener Hirse, 1 Hackenblatt, 2 Cedi
G. Achaw: 1 Schaf u.a.
Charles: 1 Schaf, 1 Korb Hirse, 6 Cedi {207}

4. Bezahlung, wenn das Mädchen ein wiedergeborener Ahne oder eine wiedergeborene Ahnin ist:
Beschneiderin von Chana-Katiu: zusätzlich “one animal” (Ziege, Schaf oder Rind).

Man ist geneigt, den Aussagen L. Amoaks den größten Glauben zu schenken, zumal sie sich mit mehreren anderen Aussagen decken. Er hat nicht nur an vielen Beschneidungen teilgenommen, sondern lässt auch seine eigenen Töchter beschneiden, d.h. er muss selbst Zahlungen leisten, während andere männliche Informanten als Christen und z.T. als starke Gegner von Beschneidungen (G. Achaw) bei ihren Beobachtungen eher die Grausamkeit und die Gefährlichkeit der Operation im Auge hatten als finanzielle Dinge, die für sie selbst nie akut werden.
Ein beschnittenes Mädchen (Agaalie) erwähnt in ihrem Tonbandbericht bezeichnenderweise nur den Korb Hirse und Mehl, nicht aber das zu aufschlussreiche Hühnergeschenk. Azuma aus Wiaga-Chiok, die nicht nur einen Bericht über ihre Beschneidung gegeben hat, sondern sich auch persönlich einem Interview gestellt hat, gibt eine Erklärung dafür, dass man gemeinhin annimmt, ein defloriertes Mädchen zahle ein weißes und ein schwarzes Huhn:

lf you go to the ngadoa’s house and you have not slept with a man, he (the ngadoa) will excise you with a black fowl, but if you have slept with a man, he will excise you with a white fowl. lf your parents ask you, you may be shy to tell the truth. So they will take a black fowl and a white fowl to the house so that if any man has slept with you, they give the white fowl, but if no man slept with you, they give the black fowl.

Es mag aufgefallen sein, dass diese Erklärung auch zutrifft, falls die Eltern erfahren, dass sie ein schwarzes und ein weißes Huhn zahlen müssen. So muss die Frage zunächst offen bleiben. Nimmt man an, dass die Hacke, die Kalebasse, Tabak, Mehl, Geld usw. nur Beigaben sind, die von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort variieren können, so stellt sich für die Bezahlung folgendes Schema heraus:

1. Jungfrauen: 1 schwarzes Huhn, 1 Korb Hirse, Beigaben.
2. Deflorierte: 1 weißes (und ein schwarzes?) Huhn, 1 Korb Hirse, Beigaben
3. “Mütter”: 1 Schaf (dafür evtl. 2 Ziegen), 1 weißes und 1 schwarzes Huhn, 1 Korb Hirse, Beigaben {208}

Beschneidung in Fumbisi 1974

Einige Mädchen erwähnen noch, dass dem Beschneider mit der Bezahlung auch weiße Pflanzenfasern gegeben wurden, die sie selbst kurz nach ihrer Beschneidung als “Kleidung” zurückbekamen. Der weiße Hirsestab wird gewöhnlich vom Beschneider oder seinem Gastgeber gestellt. Die geschenkten lebenden Tiere können vom Beschneider zu jedem Zweck verwandt werden, nicht etwa nur zu Opferzwecken.
Ist das Mädchen schon verheiratet, so werden alle Zahlungen durch ihre Schwiegereltern geleistet. Dafür bringen später die Eltern des Mädchens Geschenke nach ihrer Wahl und ihrem Vermögen in das Haus der Schwiegereltern, da es ja eigentlich die Aufgabe der Eltern war, ihre Tochter beschneiden zu lassen. Agaalies Mutter brachte Schibutter, Salz, Dawa-dawa, 1 Perlhuhn und eine Matte in das Haus des Gatten. Es können aber auch andere Dinge sein (Pito, Mehl, Hirse).
Vor dem Gang zum Beschneidungsbaum wurden nach einer Beobachtung (1988) von einer alten Frau der Besuchergruppe Bargeld eingesammelt. Über die Verwendung des Geldes und die Höhe des eingesammelten Betrags ist mir nichts bekannt.
Nachdem die Bezahlungen des Beschneidungstages durch die Verwandten oder Schwiegereltern erfolgt sind, wechseln die Mädchen, die in Stoffkleidung gekommenen sind, diese gegen einseitige Blätterkleidung vor dem Gesäß aus, und die ganze Gruppe zieht vom Gehöft zu einem Schattenbaum, unter dem die Operation durchgeführt werden soll. Sie findet immer unter einem Baum, nie etwa unter einem Schattendach (kusung) statt. Bei der Beschneidung in Fumbisi (Januar 1974) lag er über 100 Meter, in Kadema (1988) etwa 30 Meter vom Gehöft entfernt. Die Art des Baumes ist wohl nicht bedeutsam, er soll nur Schatten spenden. Unter folgenden Bäumen haben meine Informanten z.B. Beschneidungen gesehen oder selbst erlebt: Akazie, Mangobaum, Baobab, Kapok, ninang-Baum.
In der Nähe des Baumes gräbt der Beschneider oder sein Gehilfe 1-2 (oder mehr) etwa 30 – 40 cm tiefe Löcher gegraben, gewöhnlich vom Gehilfen des Beschneiders oder vom Beschneider selbst. Azuma aus Chiok berichtet, dass in Chuchuliga alle Beschneidungen eines Jahres vor dem gleichen Loch ausgeführt werden. Wenn dieses mit Blut gefüllt ist, wird das Blut mit einer Kalebasse in ein zweites Loch geschöpft. Nachdem auch dieses Loch voll ist, wird es mit Erde zugeworfen. Nach anderen Informationen werden Mädchen nur dann vor dem gleichen Erdloch beschnitten, wenn sie aus der gleichen Sektion kommen, anderenfalls wird für die Beschneidungen ein weiteres Loch gegraben. Allgemein lässt sich jedoch sagen, dass Blut und die abgeschnittenen Körperteile nicht in dem Loch begraben werden, in das sie nach der Operation geraten {209}.
Nach diesen Vorbereitungen setzen sich nun alle Mädchen in eine Reihe und warten. Der Beschneider fordert sie auf, sich lang hinzulegen “als ob sie gestorben wären”. In früherer Zeit mögen es oft mehr als zehn gewesen sein, die 15 Informantinnen geben uns folgende Teilnehmerzahlen (sie selbst eingeschlossen): 3, 3, 3, 4, 4, 4, 4, 5, 6, 8, 10, 20, (3 Informantinnen geben hierüber keine Auskunft). In Fumbisi-Baansa waren in der Zeit vom 23. Dezember 1973 bis zum 8. Januar 1974 nur drei Mädchen beschnitten worden und diese stets einzeln.
Mitunter setzt man die Mädchen so, dass das jüngste Mädchen zuerst beschnitten wird, mitunter aber auch so, dass das älteste Mädchen, das auch die Anführerin ist, als erste behandelt wird. Andere Mädchen berichten, dass die Reihenfolge bei ihrer Beschneidung willkürlich war, während Aguutalie aus Kadema behauptet, dass das Alter (die Seniorität?) ihrer Väter für die Reihenfolge der Beschneidungen maßgebend war [Endnote 3c].
Die Stille der in einer Reihe wartenden Mädchen wird plötzlich unterbrochen durch den schrillen Schrei (wuliing [Endnote 4]) einer Frau. Es ist gewöhnlich die Begleiterin des Mädchens, das zuerst beschnitten wird. Sofort springt das Mädchen auf, zerschneidet seine Hüftschnur und hüpft einige Mal hoch in die Luft. Die Erklärung L. Amoaks, dass diese Sprünge ein Zeichen von Tapferkeit und Stolz sind, kann allein nicht ganz befriedigen. Das Mädchen setzt sich nun mit gespreizten Beinen vor das Loch. Ist das Loch nahe genug am Baum, kann es sich an den Baum anlehnen. Sonst streckt es den Oberkörper etwas nach hinten, sodass die Hände den Boden erreichen und sich dort abstützen können [Endnote 5]. Azuma berichtet, dass ihre “Tante” aus Chuchuliga sich mit dem Rücken gegen den ihren setzte, so dass Azuma sich anlehnen konnte. Ich selbst (F.K.) sah (1988), dass ein Mädchen ihre Arme um den Hals der Beschneiderin legte.
Zeigt ein Mädchen Widerstand, so wird es an jeder Seite von zwei Begleitern an den Armen gehalten. Nur wenn Mädchen sich stark sträuben, werden sie mitunter an den Baum gebunden. Kurz vor der Beschneidung wird meistens noch einmal die Frage der sexuellen Unberührtheit des Mädchens aufgerollt, obwohl die Zahlungen schon geleistet sind. Manche Informanten schreiben dem Beschneider seherische Kräfte zu. Er sage es dem Mädchen ins Gesicht, wenn sie entgegen früheren Aussagen doch schon Verkehr gehabt hätte. G. Achaw erlebte es, dass ein Mädchen sich wohl zu Unrecht beschuldigt fühlte, sexuellen {210} Kontakt mit einem Jungen gehabt zu haben. Aus ihrer sitzenden Stellung heraus gab die Beschuldigte dem Beschneider einen Tritt, dass er längs über auf den Rücken fiel (Ein ähnlicher Fall wird unten für eine andere Beschneidung beschrieben). Diese Beleidigung des Beschneiders musste erst durch Sonderzahlungen der Begleiter wieder in Ordnung gebracht werden, bevor das Mädchen beschnitten werden konnte.
Ein anderer Informant sagt, dass der Beschneider das Mädchen in der Nabelgegend berührt. Wenn es daraufhin uriniert, hat es schon Geschlechtsverkehr gehabt. Am zuverlässigsten scheint mir die Beschreibung L. Amoaks zu sein. Der Beschneider schmiert dunkle Holzkohlenasche auf den Nabel des Mädchens und weiße Asche rund um die Vagina. Dann drückt er den Unterleib des Mädchens. Wird hierbei ein Sekret aus der Scheide ausgeschieden, so ist das ein Zeichen, dass die so Behandelte schon Geschlechtsverkehr hatte.
Die beiden weiter oben angeführten Behauptungen sind leicht als Missverständnisse zu entlarven. In der ersten Aussage, dass der Beschneider aus einer übernatürlichen Sicht heraus zu seinem Ergebnis kommt, ist wahrscheinlich der Zusammenhang zwischen dem Drücken des Unterleibes und der Jungfernprobe nicht erkannt worden, und auch die eventuell eintretende Ausscheidung kann ein entfernter Beobachter nicht sehen. Im zweiten Fall ist die flüssige Ausscheidung wohl fälschlich als Urin gedeutet worden.
Felicia aus Wiaga-Sinyangsa-Sichaasa sagt in dem Bericht über ihre Beschneidung auch zuerst, dass der Beschneider sofort sehen kann, ob ein Mädchen Verkehr hatte oder nicht. Auf Nachfragen gab sie jedoch eine ähnlich Deutung wie L. Amoak und bezeichnete das ausgeschiedene Sekret als (englisch) starch, worunter sie männlichen Samen versteht.
Eine Überprüfung der sexuellen Unberührtheit durch Untersuchung des Hymens scheint den Bulsa unbekannt zu sein oder wenigstens bei dieser Angelegenheit nicht angewandt zu werden.
In einem mir bekannten Fall hat der männliche Beschneider nicht einmal die vorhandene Schwangerschaft der Untersuchten erkannt.
Spätestens nach der Überprüfung der schon früher abgegebenen Aussage über die Jungfernschaft des Mädchens stimmen die umstehenden Verwandten und Nachbarn Lieder an, um dem Mädchen Mut zu machen. Der Gesang wird fast ohne Unterbrechung bis kurz vor dem Abzug der Gruppe fortgesetzt. Von den gesungenen Liedern zitieren fast alle Informantinnen und Informanten das folgende Lied als das wichtigste {211}:

Weerik nan biak boa? Biaka ka dek biika.
Weerik nan biak boa? Kpajari yaa yogni [Endnote 6]?
Was gebärt ein Leopard? Er gebärt sein eigenes Kind.
Was gebärt ein Leopard? Ein Aardvark oder eine Zibetkatze?

Die beiden Zeilen dieses Liedes werden laufend wiederholt. Azuma aus Wiaga-Chiok berichtet, dass bei ihrer Beschneidung folgendes Lied gesungen wurde:

Gbangni, gbangni, gbangni-biak biika, ate biika wman (= ngman?) chim boa?
Der Löwe, Löwe, Löwe gebärt ein Kind, und was wird dieses Kind (wieder?)?

Dieses Lied wird nach ihren Angaben nur gesungen, wenn das Mädchen sich tapfer zeigt. Falls es Angst zeigt, können die Frauen folgendes Spottlied singen:

Waaung gberi biak pok; yida la koa waaung.
Ein Affe hat Geschlechtsverkehr und gebärt eine Frau; die Furcht (oder: die Wollust) tötet einen Affen.
Oder: Ein Affe hat Geschlechtsverkehr mit der Frau eine Hundes…

Der Beschneider, der schon einige Zeit vorher die Klitoris des Mädchens mit einer Medizin eingerieben hat, holt nun mit einer gekrümmten Nadel (goatik pein) oder mit einem Angelhaken die Klitoris aus der Scheide und schneidet sie mit einem Messer [Endnote 7] oder mit einer Rasierklinge ab. Der Beschneider von Chuchuliga hat sich die Fingernägel an Daumen und Zeigefinger wachsen lassen, sodass er die Klitoris ohne zusätzliches Instrument greifen kann.
Die Beschneidungstätigkeiten unter dem Baum haben nach meiner Beobachtung (1988) etwa 10 Minuten gedauert.
Fast alle befragten Mädchen haben die Operation als äußerst schmerzhaft empfunden, und mehrere der Informantinnen geben zu, dass sie laut aufgeschrien, geweint oder sogar versucht haben, sich zu befreien, obwohl Schmerzesäußerungen oder sogar Widerstand als sehr schändlich angesehen und sofort durch Drohungen und Beschimpfungen der Verwandten begegnet werden. Auch auf der Tonbandaufzeichnung von R. Schott (Exzision in Fumbisi, Dezember 1974) werden die Lieder der Frauen zweimal durch die Schreie der beiden Mädchen unterbrochen {212}. Ein Mädchen aus Sandema-Nyansa berichtet von ihrer Beschneidung [Endnote 8]:

At first I was not afraid, but his first and second cuts were very painful. So I pushed him down and wanted to run away, but the crowd held me and brought me back, and my mother-in-law abused me that I was a fearful girl. After this I wanted to try my best but failed, because the pain was too much. And as I have pushed the man down, I (he?) was angry and was doing things so angrily. When he had finished cutting I was very dizzy and could not stand at all or sit down.

Als die Erzählerin am nächsten Morgen von einer Nachbarsfrau untersucht wurde, erlebte sie eine weitere unangenehme Überraschung:

When the dresser opened the sore, she said it was not well cut and so it must be cut again. She had to clean the blood only and they had to call the man back to come and cut. At the second cut I fainted. People thought I had died and everybody was worried. Water was poured over me for about 20 minutes’ time. I began to breathe and they took me into the room.

Die Schmerzesäußerungen der zuerst beschnittenen Mädchen haben oft Einfluss auf die Angstgefühle der anderen wartenden Kandidatinnen. Aus diesem Grunde beschneidet man wohl gerne das älteste und daher vielleicht tapferste Mädchen zuerst, damit die anderen nicht durch Schmerzesäußerungen verängstigt werden. Oder man beginnt mit dem schwächsten Glied der Kette, dem jüngsten Mädchen, damit es nicht durch Schmerzesäußerungen von Vorgängerinnen ganz eingeschüchtert werden kann. Ein Mädchen aus Sandema-Kalibisa berichtet:

I was the first to be excised. In fact I could not help [stand it?]. The pain was very severe, very painful, in such a way that I could not lay [lie] down and allow to be cut. So my brothers had to hold me and I was crying. So as the two other girls got to know it was painful, they started to run away and their relatives had to chase them back {213}.

Schließlich soll hier noch eine Teilstelle aus dem englischen Bericht einer Schülerin aus Kadema-Chansa wiedergegeben werden:

We got up early in the morning and the man told us to get ready. He dug a hole and asked us whether we had (had) contact with a man or not. Only one (of four) girl had (had) contact with a man and they asked her to pay.
First of all they called upon one girl from Fumbisi to circumcision her, but that girl was afraid. So they held her arms and legs and she was weeping and they told her she should
stop weeping, but the excision man took a hook and [I was] afraid and I started weeping. My parents shouted upon me. Then the man called me to come, so I lay down under (in front of) the hole and I was weeping. So my mother told [me] I should stop weeping. The excision man took a hook and held my circumcision [clitoris]. The visitors were singing and dancing, jumping and clapping their hands. I saw the circumcision [clitoris] jumping and blood float and fill the hole …

Diesen Aussagen gegenüber – und sie könnten noch um einige weitere der gleichen Art vermehrt werden – klingt der folgende Bericht Agaalies [Endnote 9], einer begeisterten Befürworterin von Exzisionen, nicht ganz glaubwürdig:

And she was excising me. And when I was excised I did not feel any pain. When they were singing a song I was enjoying it. And the people were surrounding me and it was nice. When they were singing the songs, I also took part in singing. I was laughing all the time. lt is not painful, not even a bit …

Gewöhnlich wird den Mädchen verboten, nach der Operation in das Erdloch zuschauen. Es handelt sich hier wohl nicht um ein echtes Tabu, sondern man will ihnen wahrscheinlich den Anblick ersparen. Die Schülerin aus Kadema-Chansa schaute z.B. in das angefüllte Erdloch, wie der Ausschnitt aus ihrem Bericht gezeigt hat. Azuma sagte, dass sie unmittelbar nach ihrer Beschneidung nicht in das Erdloch schauen durfte, jedoch schon bei der Beschneidung anderer Mädchen war es ihr wieder erlaubt.
Das beschnittene Mädchen wird nun aufgerichtet und mit kaltem Wasser übergossen. Auch über die Wunde selbst schüttet man kaltes Wasser {214}, was als sehr schmerzhaft empfunden wird. Dann gibt man der Beschnittenen kaltes Wasser zu trinken, mitunter auch Kolanüsse zum Essen. Gestützt auf die nachbarlichen Helfer wird sie an ihren alten Platz in der Reihe der Mädchen gebracht. Falls sie sich besonders tapfer gezeigt hat oder sogar versucht hat mitzutanzen, drückt man ihr auch Münzen oder Geldscheine auf die nasse Stirn.
Agaalie berichtet, dass die Beschneiderin aus Chana-Katiu nach der Beschneidung Hirsewasser in den Mund nahm und in vier verschiedene Richtungen ausspuckte [FK: Dies war ein erstes gaasika Ritual, siehe 6.4.3 und 1. Auflage, S. {222, 330f. und 389}]. Dann wies sie die beschnittenen Mädchen an, das Gleiche zu tun. Dieses [gaasika] Ritual wird an dieser Stelle des rituellen Ablaufs auch von Felicia (Wiaga-Sichaasa) erwähnt, während einige Informantinnen bestreiten, dass diese Zeremonie schon unter dem Beschneidungsbaum ausgeführt wurde, aber auch R. Schott hat sie im Dezember 1974 in Fumbisi zusammen mit der spiralförmigen Umkreisung des Körpers durch eine Kalebasse (vgl. S. 222) gesehen.
Dieses Ritual fand nach meiner Beobachtung von 1988 etwa 10 Meter vom Beschneidungsbaum statt. Vor dem Trinken aus der Kalebasse bewegte man diese viermal um den Körper des Mädchens und nach dem Ritual wurde der Körper des Mädchens mit klarem Wasser überschüttet (d.h. gewaschen).
Immer erhalten die Mädchen vom Beschneider einen Stock aus einem Hirsehalm, der ngabiik kinkari [Endnote 10] genannt wird. Dieser Stock muss weiß sein und aus einem Hirsefeld geschnitten worden sein, bevor man Feuer angelegt hat und die Halme angekohlt sind. Keineswegs dient er dem Mädchen als Stütze auf ihrem beschwerlichen Heimweg, denn der Stab darf den Erdboden nicht berühren und darf nur in der rechten Hand getragen werden. Felicia drückt es folgendermaßen aus:

When the man said that we shouldn’t put the stalk on the ground, it means wa kisi kama [it is forbidden, taboo] that you should hold the thing and bring forth a boy or girl.

Agaalie berichtet, dass die Beschneiderin, bevor sie den Stock überreichte, an Agaalie die Frage stellte, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen wünsche, und sie antwortete: “Beides” [Endnote 11]. Dies geschah viermal, dann warf ihr die Beschneiderin den Stock zu. Aguutalie (Kadema) erhielt den Stock mit der Bemerkung des Beschneiders, dass dies nun ihr Kind sei; Felicia warf man auch den Stock zu, sie musste ihn dreimal wieder zurückgeben und durfte ihn erst beim vierten Mal behalten.
Die Mädchen, die bisher unbekleidet waren, legen jetzt ihre traditionelle Beschneidungstracht (gaaba, gaba) an. Sie besteht aus einem weißen Faserbüschel (kanlieng, Pl. kanliengsa), das mit einer Schnur so um {215} den Hals gelegt wird, dass die knapp 1 m langen Fasern auf dem Rücken liegen (vgl. S. {216}). Nach einer vereinzelten Information sollen diese das auf den Rücken gebundene Kind symbolisieren. Der vordere Teil des Körpers und der Unterleib bleiben also unbekleidet. Kommen die Mädchen auf ihrem Heimweg durch einen größeren Ort, so legen sie sich ein Tuch (gatiak) um ihre Hüften. Sonst wird Kleidung als schädlich betrachtet, da sie den freien Blutfluss hindert. Erst nach einigen Tagen, wenn die Wunde schon etwas verheilt ist, legt das Mädchen die Kordel der gaaba um ihre Hüften, sodass die weißen Fasern von hinten über die Schamteile nach vorn gelegt werden und die Enden in der Nabelgegend wieder unter die Hüftschnur gesteckt werden können. Dieser Faserschurz wird getragen, bis er schmutzig ist. Dann wird er nach G. Achaw durch ein ca. 20 cm breites, aus den gleichen Fasern geflochtenes Band ersetzt, das vorn und hinten unter die Hüftschnur gesteckt wird. Andere (z.B. Aguutalie) sagen, dass nach etwa 2-3 Wochen die alte Faserkleidung durch eine neue gleicher Art ersetzt wird.
Vor dem Abzug der einzelnen Gruppen vom Beschneidungsort kann der Beschneider den Mädchen noch eine Holzkohle-Schibutter-Medizin mitgeben, die den Mädchen später in ihren Gehöften auf den Nacken, auf die Stirn, auf die Brust, zwischen dem großen und nächstfolgenden Zehen und zwischen Daumen und Zeigefinger geschmiert werden soll.
Kurz vor dem Abmarsch schreit der Beschneider: “Baribee saratata” [Endnote 12] und alle Mädchen laufen (nach einer Information) in Richtung auf ihr eigenes Gehöft, gefolgt von der Erwachsenengruppe. Aguutalie (Kadema) musste auf diesen Ruf hin viermal um das Erdloch laufen, während man von Felicia verlangte, dass sie einmal vom Beschneidungsort zum Gehöft des Beschneiders und zurück laufen musste, bevor sie den Heimweg antreten durfte.
In der 1988 beobachteten Beschneidung fiel der Ruf der Beschneiderin aus. Die beiden Mädchen liefen auch nur eine kurze Strecke und kehrten dann zu ihrem Ausgangspunkt zurück.
Auf dem Heimweg werden Kriegsgesänge und andere Lieder angestimmt. Die Mädchen sollten eigentlich ohne jede Hilfe nach Hause gehen, doch ein Mädchen aus Sandema-Balansa berichtet, dass sie von drei Männern getragen wurde, als sie nicht mehr gehen konnte. Azuma ist stolz darauf, dass alle vier Mädchen ihrer Sektion nach der Beschneidung allein ohne fremde Hilfe von Chuchuliga nach Wiaga gehen konnten [ca. 25 km]. Mein Angebot an die Beschneidungsgruppe in Fumbisi, das Mädchen und einige ältere Frauen den über 10 km weiten Weg nach Wiasi {217} in meinem Wagen zu transportieren, wurde lachend und ohne Diskussion abgelehnt. Kommt eine Gruppe auf dem Heimweg jedoch an einem Haus vorbei, in dem ein Verwandter wohnt, so kann man hier Rast machen und dem beschnittenen Mädchen wird T.Z. oder andere Nahrung angeboten, die nicht unter das Speiseverbot fällt.
In dem von mir 1988 beobachteten Fall verließ die Gruppe um 15.40 Uhr das Beschneidungshaus und kam nach einem Fußmarsch von etwa 6 km um 17.15 Uhr in ihrem Wohngehöft an.

ANMERKUNGEN ZUR ZEICHNUNG {S. 216}
Die Zeichnung wurde von Leander Amoak auf meinen Wunsch hin angefertigt. Es wurde in der Darstellung übersehen, dass das beschnittene Mädchen den Hirsestab nur in der rechten Hand halten soll. Die Anordnung des Faserbüschels und der Schnüre (in L. Amoaks Zeichnung ein Band oder zwei Schnüre?) weicht etwas von der Art ab, wie sie bei einem Exemplar der Sammlung des Seminars für Völkerkunde der Universität Münster zu sehen ist. Dort sind 15 Einzelstränge des Faserbüschels in zusammen 15 Knoten mit zwei dünnen, gedrehten Schnüren (miisa, Sing. miik) verbunden (s. Skizze unten!).

Auch Knudsen  erwähnt ein weißes “fibre loin wear” und fügt eine Abbildung bei (S. 152). Der obere verflochtene Teil ist wieder…
Nach 1978 scheinen einige Veränderungen, die vor allem hygienisch-medizinische Maßnahmen betreffen, in die Beschneidungsprozedur eingedrungen zu sein. Moderne Desinfektionsmittel scheinen häufiger Anwendung zu finden. Eine Bulsa Beschneidung in Accra wurde im Inneren eines Hauses ausgeführt, und nach der Operation bediente man sich blutstillender Medikament und einer örtlichen Betäubung.
Eine Informantin Knudsens sagt: “Thus my friend and I bought our cotton wool, iodine, penicillin ointment and all that we would need…”

 

4. DAS MÄDCHEN IM ELTERLICHEN UND SCHWIEGERELTERLICHEN GEHÖFT

4.1 Pobsika und Speisetabus
Bevor das beschnittene Mädchen das Gehöft ihrer Eltern oder ihres Gatten betritt, müssen sich alle Personen, die es nicht sehen darf, in ihren Zimmern (diina) verstecken. Zu den Tabu-Personen des unverheirateten Mädchens gehören ihr nächstjüngerer Bruder bzw. ihre nächstjüngere Schwester und ihre leiblichen Eltern. Wenn die Beschnittene verheiratet ist, besteht außerdem für ihren Gatten ein Sichtverbot [Endnote 12a]. Auch andere Personen können unter dieses Tabu fallen. Azuma durfte auch ihre Großmutter nicht sehen, nach anderer Information kann auch der Medizinmann (tiim-nyono) aus der Nachbarschaft zu den tabuierten Personen gehören, ebenso alle Männer, die mit einer Witwe Geschlechtsverkehr hatten, bevor die Totengedenkfeier des verstorbenen Gatten abgehalten worden war. Außerdem darf die Beschnittene alle Tabu-Personen einer Wöchnerin der Nachbarschaft nicht sehen, bis die Wöchnerin mit diesen Personen Asche geblasen hat. Ein Informant behauptet, dass die Beschnittene nur dann ihre Eltern nicht sehen darf, wenn sie die Erstgeborene ist.
Das Sicht-Tabu mit den Personen des eigenen Hauses wird gleich nach dem Eintreffen des Mädchens in ähnlicher Form wie nach der Geburt durch Ascheblasen (pobsika) aufgehoben, nur soll diesmal unbedingt weiße Asche benutzt werden, und nach einigen Informanten soll möglichst genau viermal geblasen werden.
Es treten auch sofort nach der Beschneidung eine Reihe von Speisetabus auf, und zwar darf das Mädchen keine Nahrung zu sich nehmen {219}, die als “schwarz” (sobluk) bezeichnet wird
(s.u.) [Endnote 13].

4.2 Behandlung der Wunde
Am Beschneidungstag muss das Mädchen heißes Kräuterwasser trinken, um dadurch den Blutfluss aufzuhalten. Auch darf sie nur sehr heiße Nahrung essen. Eine in der Behandlung von Wunden erfahrene Frau (fobro, Pl. fobroba) wird aufgesucht. In jeder Sektion gibt es mehrere solcher Frauen, so dass gewöhnlich eine Frau aus der nahen Nachbarschaft mit einem Huhn oder einem anderen Geschenk meistens für den nächsten Morgen bestellt werden kann.
Die Behandlung der Beschneidungswunde vollzieht sich in mehreren Phasen. Um ein Bild der möglichen örtlichen Variationsbreite zu geben, sollen hier vier detaillierte Berichte verkürzt wiedergegeben werden.

1. Bericht: Azuma aus Wiaga-Chiok.
a) Sie musste nach der Beschneidung drei Tage im dalong sitzen, ohne dass die Wunde behandelt wurde.
b) Am 4. Tag kam eine Nachbarin (fobro), öffnete die Wunde und wusch sie mit heißem Wasser aus, in dem vorher die Medizinwurzeln und Blätter gekocht worden waren.
c) Posidi-Blätter [Endnote 14] wurden auf die Wunde gelegt. Sie brannten wie Pfeffer. Nach jeder Behandlung ging Azuma wieder in das Innere des Hauses, damit die Wunde nicht dem Wind ausgesetzt wurde. Sie durfte nicht sitzen, sondern musste stets liegen.
d) titibi-Blätter (Combretum sp.)
e) schwarze bagta-Erde
f) Als die Wunde fast verheilt war, übernahm Azuma selbst die Behandlung, und zwar wusch sie die Wunde mit heißem Wasser aus und legte cham poli (Blätter junger Schibutterbäume) auf {220}.
Hätte Azumas persönlicher wen-bogluk Einspruch gegen die Beschneidung eingelegt, hätte er gleich nach der Rückkehr Azumas in das Gehöft durch Opfer versöhnt werden müssen

2. Bericht: Aguutalie aus Kadema.
a) Die Wunde wurde von der Nachbarin (fobro) häufig ausgewaschen, Watte [Endnote 15] und eine schwarze Medizin (geriebene Holzkohle und Schibutter?) wurden aufgetragen.
Dauer dieser Phase: 4 Tage
b) Ein Brei aus gemahlenen posidi-Blättern und kaltem Wasser wurde in die Wunde gedrückt.
Dauer dieser Phase: ca. 3 Wochen (bis die Wunde klein wurde).
c) Schinuss-Öl und Watte wurden knapp eine Woche lang aufgetragen.
d) Als die Wunde hell geworden war, wurde schwarzer Schlamm (bogta) vom Fluss geholt. Dies konnte nur geschehen, als der Mond im Zenit stand. Zur gleichen Zeit wurden Blätterrollen des blackberry-Strauches [Endnote 16] (ngara vaata) auf die Wunde gelegt.
Dauer der bagta-Behandlung: 3-4 Tage. Die Behandlung mit ngara vaata dauerte noch einige Tage länger an.
e) Blätter des Schibutterbaumes wurden von Aguutalie selbst geholt und selbst aufgelegt, “um die Vagina zu schließen”. Hiernach durfte sie wieder Blätterkleidung tragen. Das erste Faserbüschel war bereits drei Wochen nach der Beschneidung durch ein ähnliches ausgewechselt worden.

3. Bericht: Robert Asekabta, Sandema-Abilyeri, wohnhaft in Sanderna-Suarinsa
a) Man sammelt Blätter der posidi-Pflanze, rollt sie zwischen den beiden Händen zu einer kleinen Rolle und drückt sie so lange bis sie weich werden. Diese Rolle wird auf die Wunde gelegt.
b) Die Wunde wird mit heißem Wasser behandelt, in dem titibi-Blätter (Pl. titiba, lat. Combretum glutinasum oder Combretum ghasalense) gekocht wurden.
c) Wenn die titibi-Blätter keinen Extrakt mehr hergeben, werden sie durch Blätter des Schibutterbaumes ersetzt.
d) Geben diese Blätter auch keinen Saft mehr ab, werden sie durch Blätter des blackberry-Strauches (ngaab, ngaarik) ersetzt.

4. Bericht: Leander Amoak, Wiaga-Sinyangsa-Badomsa
a) Die Holzkohle-Schibutter-Medizin des Beschneiders wird in den ersten Tagen aufgetragen.
b) Die Wunde wird mit Watte und heißem Wasser dreimal täglich behandelt.
Dauer dieser Phase: 1 Woche (z.T. Überschneidung mit Phase a).
c) Die Wunde wird mit posidi-Blättern behandelt.
Dauer dieser Phase: ca. 2 Wochen.
d) Nachdem die Wunde fast verheilt ist, wird schwarze Erde (bagta) vom Fluss gesiebt und zweimal täglich auf die Wunde gelegt.
Dauer dieser Phase: 4 Tage.
e) Frische Blätter junger Schibutterbäume (cham poli) werden gestampft, zu kleinen Rollen geformt und auf die Wunde gelegt.

5. Wundbehandlung 1988: Die Frau, die die Wunden der beiden Frauen behandelte, konnte mir die Bestandteile der Medizin nicht nennen, da die Beschneiderin diese der Besuchergruppe in fertiger Form mitgegeben hatte.
Zur Therapie gehörte auch, dass die beiden Frauen ständig, zum Beispiel durch Gänge um das Gehöft in Bewegung blieben. Hierbei hielten sie ihren Hirsestab in der rechten Hand. Er diente nicht als Gehhilfe, allerdings berührte er mitunter auch den Boden. Diebeiden Frauen holten zum Beispiel auch selbst das Wasser für ihr Bad und reinigten die nach dem Erhitzen des Wasser verrußten Töpfe.
Die erste Wundbehandlung führte eine ältere Frau aus einem Nachbargehöft durch, die auch in einer schmerzhaften Prozedur die Scheidenwände trennte. Die folgenden, anfangs täglichen Waschungen und Wundbehandlungen (auch im Viehhof) wurden von Frauen des eigenen Gehöfts vollzogen. Auch hierbei verzogen die beiden Frauen mitunter vor Schmerz ihr Gesicht. Die Wundbehandlerin wusch auch jedesmal, zum Teil mit Seife, Arme, Beine, Rumpf und Haare der beiden Frauen. In den Zeiten zwischen diesen Behandlungen wurde jedoch auch viel gelacht und gesungen (mitunter bis nach 21 Uhr).
Der Behandlungsort ist entweder der Viehhof (nankpieng, Pl. nankpiensa) oder der freie Platz (peelim, Pl. peelita) am Gehöfteingang (nach Azuma am tampoi). Dort wird ein tiefes Loch gegraben, in das eventuell noch Blut fließen kann und in das man auch die blutige Watte wirft. Die Pflanzenblätter werden jedoch nicht fortgeworfen, sondern später in getrockneter Form im Viehhof verbrannt. Das Mädchen muss dann nach R. Asekabta viermal über das Feuer springen. G. Achaw und ein beschnittenes Mädchen aus Kadema sagen, dass mit den Blättern auch die weißen Fasern verbrannt werden, während L. Amoak und ein beschnittenes Mädchen aus Wiaga- Sinyangsa-Sichaasa behaupten, dass man die Fasern in einen Baum hängt. Es sind dies nicht mehr die ersten weißen Fasern, die das Mädchen am Beschneidungstag erhielt, denn diese werden je nach Heilung der Wunde nach 2-3 Wochen gegen neue ausgewechselt. Erst nach diesem Wechsel dürfen beschnittene Mädchen nach Auskunft Aguutalies das Gehöft verlassen.
Bei der von mir am 16.12.1988 im Viehhof beobachtete Verbrennung der Blätter und Fasern wurden die viermaligen Sprünge über das Feuer nicht durchgeführt. Dagegen deuteten die beiden Frauen durch leichte Bewegungen einen Tanz an.

4.3 Gaasika und ponika
Es herrscht Einigkeit bei den Informanten, dass mit dem durch die Blätterverbrennung angedeuteten Abschluss der Wundbehandlungen eine Ritenfolge abgehalten wird, die mit dem Namen gaasika bezeichnet wird. In der Beschreibung der gaasika, wie sie an dieser Stelle des rituellen Ablaufs ausgeführt wird, weichen die Berichte in einigen Teilhandlungen voneinander ab, weniger jedoch dadurch, dass verschiedenartige Riten ausgeführt werden, sondern vor allem durch Auslassungen bzw. Anfügen von rituellen Teilhandlungen. Es soll daher hier versucht werden, eine möglichst ausführliche Beschreibung der gaasika-Riten zu geben, auch wenn in einigen Teilen des Bulsa-Landes der rituelle Ablauf nur stark verkürzt stattfindet.
Für den abschließenden Festtag werden von den Frauen des Hauses Speisen bereitet, die dem Mädchen bisher zu essen versagt waren, also z.B. Pito, eine schwarze Fischart (jum sobli), Bohnenkuchen, eine kleine Bohnenart (tue), Ziegenfleisch, dazu auch T.Z. und ein Huhn oder Perlhuhn. Die gaasika-Zeremonie wird auf dem freien Platz (peelim) am Hauseingang, nach Azuma am Abfallhaufen (tampoi) von der Frau, die die Wunde behandelt hat, am beschnittenen Mädchen ausgeübt. Die oben genannten Speisen werden in vier Kalebassen, nach anderer Information in einem Tontopf (cheng) vor das aufrecht stehende Mädchen gestellt. Die Frau (fobro) nimmt nun viermal Speise in den Mund, spuckt sie, wie oben bereits beschrieben, viermal in verschiedene Richtungen und fordert das Mädchen auf, das Gleiche zu tun. Danach legt das Mädchen beide Hände mit den Innenflächen nach oben auf den Kopf, und die Frau stellt ihr den Essnapf auf die Hände, wo er einige Zeit bleibt, während die Nachbarin dem Mädchen folgende Worte zuflüstert:

Ma gaasika yabsa [Endnote 17] gaasim daa biam gaasimoa.
Ich führe die gaasika der Beschnittenen (der Klitoris) aus, nicht die gaasika der Geburt.

Dann nimmt die Frau den Napf und führt ihn in vier Spiralen um den Körper des Mädchens nach unten. Am Unterleib des Mädchens (Felicia: ” .. .inside my legs … “) kommt der Napf wieder zur Ruhe und wird dann weiter spiralförmig nach unten geführt, wo er auf den Füßen noch einmal einige Zeit verweilt. Nach dieser Zeremonie darf das Mädchen die vorher verbotenen Speisen wieder essen, und Azuma berichtet auch, dass sie sofort mit dem Topf in einem Raum verschwand, um dort zu essen. Nach anderer noch nicht überprüfter Aussage soll den Hausgöttern zuerst von diesem Essen geopfert werden, worauf der Rest an alle Anwesenden, das Mädchen eingeschlossen, verteilt wird. Ein noch verbleibender Rest und auch wenigstens ein Krug Pito nimmt die Helferin (fobro) als Entgelt mit in ihr Haus.
Meine Informanten sind sich selbst nicht klar darüber, ob die Haarschur (ponika), die meistens wohl nach dem Aufheben der Speisetabus folgt (nach einige Informanten vorher), ein Teil der gaasika-Riten ist. Jedenfalls ist sie eng mit diesen verbunden und wird gewöhnlich am gleichen Tag ausgeführt. Eine Haarschur ohne Speiseriten wird von Aguutalie aus Kadema als verkürzte gaasika bezeichnet.
Große lokale Unterschiede scheint es bei der Einordnung der gaasika in den rituellen Ablauf zu geben, wenn auch fast alle Berichte darin übereinstimmen, dass nach dem Abschluss der Wundbehandlung, d.h. nach dem Verbrennen der Blätter oder nach der letzten bagta-Behandlung, gaasika und ponika stattfinden. Die meisten Informanten und Informantinnen behaupten, dass schon am Beschneidungstag eine verkürzte gaasika mit ponika durchgeführt wird. Während die Haarschur immer im Gehöft stattfindet, kann die (Speise-)gaasika schon, wie oben (S. 214) beschrieben, unter dem Beschneidungsbaum vollzogen werden.
Aguutalie aus Kadema sagt, dass es bei ihrer Beschneidung drei gaasika-Rituale gab, wenn auch die letzte nur aus einer Haarschur bestand.
1. Die erste gaasika wurde am Beschneidungstage im Gehöft gleich nach den pobsika-Riten und der Haarschur, die sofort schon in Kreuzform geschnitten wurde, mit Bohnen, Ziegenfleisch und mud-fish ausgeführt. Diese gaasika hob das Speiseverbot der oben genannten Dinge auf.
2. Nach der Verbrennung der Blätter, als die Wunde fast ausgeheilt war, wurde eine zweite gaasika mit Pito und Bohnenkuchen ausgeführt, die auch die beiden letzten Speiseverbote aufhob. Sie war jedoch nicht mit einer Haarschur verbunden.
3. Nach der vollständigen Ausheilung der Wunde, als diese auch nicht mehr mit klarem Wasser ausgewaschen zu werden brauchte und die letzte Faserkleidung beseitigt worden war, wurden Aguutalie die Kopfhaare noch einmal in Kreuzform geschoren.

Kopfrasur (Aufsicht)

Aguutalies Aussage, dass ihre Haare schon am Beschneidungstag in Kreuzform geschnitten wurden, weicht von fast allen anderen Berichten ab, in denen betont wird, dass die erste Rasur eine Totalrasur ist. Erst in der zweiten Rasur werden zwei sich kreuzende Streifen (naa-vuuk, Pl. naa-vuuta, ‘cattle drift’) in das kurze, nachgewachsene Haar geschnitten, die abweichend von der sonst gleichen Rasur nach Fehlgeburten auch Seitenstreben haben können, so dass in der Aufsicht ein Muster entsteht, wie es hier abgebildet wird [Endnote 17a].
Die Rasuren werden von einer Person ausgeführt, die sich auf Haarschneiden versteht, nicht etwa ausschließlich von der Wundbehandlerin.
Falls ein Bulsa-Mädchen, das im gleichen Jahr beschnitten wurde, nach der Beschneidung gestorben ist, werden nach einer Information im ganzen Bulsa-Land keine gaasika-Zeremonien mehr ausgeführt.
Nach den letzten Zeremonien ist das Mädchen wieder voll in die Gesellschaft eingegliedert, wenn auch mit einem anderen Status und veränderten Rollenerwartungen. Als heiratsfähige Frau geht sie zum Markt, und man erwartet wieder einen vollen Arbeitseinsatz von ihr. Sie darf, wenn verheiratet, mit ihrem Gatten Geschlechtsverkehr haben. Falls sie nicht verheiratet ist, wird man ihr vorehelichen Verkehr nicht so stark verübeln wie einem unbeschnittenem Mädchen [Endnote 18).
Zum Zeichen ihres neuen Status – sie ist nun voll heiratsfähig – wird auch ihre Kleidung verändert. Sie soll von nun an vorne und hinten Blätter tragen und nicht nur hinten, wie es bei kleinen Mädchen üblich war. Diese Unterscheidung in der Kleidung ist heute jedoch kaum noch festzustellen, denn junge Mädchen, ob beschnitten oder unbeschnitten, tragen heute nach den ersten Anzeichen der Pubertät durchweg Stoffbekleidung.
Gewöhnlich einige Monate nach den eigentlichen Beschneidungszeremonien vollzieht sich noch ein eigenartiges Nachspiel. Wenn die Regenzeit die Flüsse anschwellen lässt, geht das beschnittene Mädchen mit ihrem Hirsestab (ngabiik kinkari), der ihr vom Beschneider gegeben wurde, zu einem Fluss, der auch in der Trockenzeit nicht ganz austrocknet. Sie wirft den Stock hinein und sagt dabei:

Nyiam ta biik a taam yoo!
Das Wasser trägt das Kind fort, o weh!

Hiernach holt sich das Mädchen den Stock wieder und wirft ihn ein zweites und drittes Mal hinein, wobei sie jedesmal die gleichen Worte sagt. Beim vierten Mal lässt sie das Wasser den Stock forttragen und geht nach Hause. Dieser Brauch wird vom beschnittenen Mädchen allein ausgeführt. Es braucht kein bestimmter Tag zu sein. Aguutalie berichtet, dass dieses Nachspiel in Kadema erst ausgeführt wird, wenn die Beschnittene ihr erstes Kind geboren hat. In der Zwischenzeit bleibt der Stock im Strohdach eines dok ihres Elternhauses aufbewahrt.

(2022) Ergänzend zu den Ausführungen der 1. Auflage ist nach einer Beschneidung von verheirateten Frauen der Besuch ihrer Mütter im Gehöft der Ehemänner zu erwähnen. In einem bekannten Fall erfolgte der Besuch der einen Frau 12 Tage nach ihrer Beschneidung, die Mutter der anderen Frau kam nach etwa einem Monat.
Beim Abschied werden die Mütter ähnlich beschenkt, wie es nach der Heirat einer ihrer Töchter. Zum Beispiel erhielt eine Mutter einen busik-Korb, gefüllt mit Hirsemehl, einem toten Perlhuhn und einer Flasche Akpeteshi (fn 88,154a).

4.4 Übergangsriten und Beschneidungen (1922)
Im Vergleich zu anderen Übergangsriten sind Beschneidungen an religiösen Ritualen arm. Den folgenden Behauptungen Knudsens (S. 47) kann ich in Bezug auf die Bulsa Beschneidungen nicht zustimmen:

…the basic principle that guides rites of passage rituals among Ghanaian ethnic groups, including female circumcision or girls puberty rituals, is based on traditional belief in the Creator or in the Sky-God who operates through gods and ancestors.

Wahrsagerbefragungen vor der Beschneidung scheinen sehr selten zu sein und mitunter auch gar nicht durchführbar zu sein, wenn die Mädchen ohne Wissen ihrer Eltern zu dem Gehöft eines Beschneiders laufen. Auch hier stimmen meine Beobachtungen und Informationen bei den Bulsa nicht mit der folgenden Behauptung Knudsens überein (S. 47):
Thus, cosmological consultation through divination precedes all circumcision operations or puberty rites. This is true in all the three case studies [including Bulsa] I have described in this book.
Auch Opfer an die Ahnen und an andere Schreine gehören wohl nicht überall zum notwendigen Ritual von Beschneidungen. Ein Informant aus Sandema Kalijiisa berichtet, dass die für die beschnittenen Mädchen tabuisierten Speisen zum Teil den Schreinen des Gehöfts geopfert werden und der Rest von allen (außer den beschnittenen Mädchen) gegessen wird (fn 73,39a).
Andererseits habe ich von mehreren Gehöften gehört, dass dort die Ahnen die Exzision verbieten.
Aus Gbedema erfuhr ich, dass (einige? alle?) Beschneider einen eigenen mobilen bogluk haben, dem sie opfern, wenn bei einer Beschneidung Komplikationen auftreten (fn M18a).

Ohne Zweifel sind jedoch einige unten aufgeführte Riten und auf magischen Vorstellungen basierende Verhaltensweisen fest in den Beschneidungsablauf integriert.

4.4.1 Tabus
Zu den für die beschnittenen Mädchen tabuierten Speisen werden in verschiedenen Informationsquellen erwähnt

1. Hirsebier: vgl. 1. Auflage S. {222}; Information aus Sandema Kalijiisa (fn 73,37b)
2. jum-soblik oder jum-goaling (Clarias lazera? Wels? mudfish, black fish): 1. Auflage: S. 222, Wiaga-Badomsa (fn 136a), Sandema-Kalijiisa (73,77b), Sandema-Kalijiisa (Achaw, fn 73,29)
3. pobla (Bohnenkuchen): 1. Auflage, S. {222}; Sandema-Kalijiisa (73,29)
4. tue (kleine Bohnenart): 1. Auflage, S. {222}; Wiaga-Badomsa (88,136a), Sandema-Kalijiisa: 73,29a,
5. Ziegenfleisch: 1. Auflage, S. {222}; Wiaga-Badomsa (fn 88, 136a), Sandema Kalijiisa (fn 73, 77b), Sandema-Kalijiisa (Achaw, 73,29a)
6. buura (Neri, Egusi): Wiaga-Badomsa (fn 136a)
7. Hühnerfleisch: Sandema-Kalijiisa (Achaw, fn 73,29a), Perlhuhnfleisch ist wohl erlaubt
8. Hühnereier [Endnote 13]?
9. Schafsfleisch?

Der Genuss der genannten Speisen, die auch als dangta (Schmutz) bezeichnet werden, könnten Komplikationen bei der Ausheilung der Beschneidungswunden verursachen
Knudsen (1994: 166) erwähnt auch, dass die Mädchen auch eine Zeitlang kein neugeborenes Baby sehen dürfen (“they had just lost theirs”).

4.4.2  pobsika (Ascheblasen)
Die Aufhebung eines weiteren Sichttabus durch das pobsika-Ritual findet nach einer Information aus Badomsa (fn 88,136a) für verheiratete Frauen in (oder vor) ihrem Wohngehöft gleich nach ihrer Beschneidung mit ihrem Gatten statt.

4.4.3  ponika (Kopfschur)
Zu diesem Ritual konnte ich nach 1974 keine wesentlichen neuen Informationen sammeln. Bei einer beobachteten Beschneidung wurde den Mädchen 25 Tage nach ihrer Beschneidung, kurz vor der Blätterverbrennung der Kopf völlig kahl geschoren. Die in der ersten Auflage beschriebenen Muster (S. {223-224}) konnte ich in der Form, wie sie die Abbildung auf S. 224 zeigt, weder beobachten noch erhielt ich neue Informationen darüber. Es ist möglich, dass sie in neuerer Zeit durch eine einfache Kopfrasur ersetzt wurde.

4.4.4 gaasika
Die Ausführung der gaasika wurde oben als ein abschließendes Ritual nach dem Verbrennen der Blätter beschrieben (1. Auflage, S. {221-224}), in Badomsa (1988) findet es erst in der Regenzeit statt. Nach eigenen Beobachtungen (fn 88.135a) und durch Feldnotizen von R. Schott (fn 73,328a) findet jedoch eine gaasika gleich nach der Beschneidung statt. In beiden Fällen wurde die Kalebasse (mit Hirsewasser oder klarem Wasser?) viermal um den Körper der Mädchen bewegt, bis diese die Flüssigkeit in den Mund nahmen und vielmal in verschiedene Richtungen ausspuckten und erst dann von ihr tranken.
Meine in der 1. Auflage geäußerte Vermutung (S. {330-331}), dass das gaasika-Ritual ein Speisetabu aufhebt, konnte durch neuere Informationen (nach 1974) nicht allgemein bestätigt werden. Für die erste gaasika gleich nach der Beschneidung war eine solche Aufhebung nicht erkennbar. In der zweiten gaasika, nach der Ausheilung der Wunden und Beendigung aller Aktivitäten befinden sich die verbotenen Speisen (zusammen mit Wasser) in der Kalebasse und dürfen danach wieder von den Beschnittenen verzehrt werden.

 

5. EXZISION UND GEBURT

Wenn viele Autoren, die sich mit Problemen der Beschneidung auseinander setzen, einen engen Zusammenhang zwischen Beschneidung und größerer sexueller Freizügigkeit bzw. Heiratsfähigkeit gesehen haben [Endnote 19], so muss man auch in Hinsicht auf die Bulsa zugeben, dass dieser Zusammenhang ohne Zweifel besteht. Wenig wird jedoch in der einschlägigen Literatur [Endnote 20] über das Verhältnis von Exzision und Geburt bzw. Gebärfähigkelt gesagt. Es kann daher nicht entschieden werden, ob andere ethnische Gruppen die Sinngebung der Exzision als eine vorweggenommene Geburt nicht kennen oder ob diese Deutung von Ethnographen weniger klar erkannt worden ist. Bei den Bulsa sprechen viele Faktoren für eine solche Sinngebung.
Folgende Teilriten und Vorstellungen über die Exzision stellen eine Verbindung zur Geburt und ihren Riten, wie sie bei den Bulsa üblich sind, her:

1. Der Name für unbeschnittene Mädchen (kaliak, Pl. kalaasa) bezeichnet auch (beschnittene) Frauen, die noch kein Kind geboren haben.
2. Die Eltern des Mädchens müssen besonders hohe Zahlungen an den Beschneider leisten, wenn das Mädchen schon ein Kind geboren hat.
3. Kurz vor der Beschneidung stimmen die Begleiter ein Lied über die Geburt eines Leoparden, Löwen oder Affen an.
4. Bei der Beschneidung hat das Mädchen die gleiche Körperstellung wie eine gebärende Frau. Sie wird auch anschließend wie diese mit Wasser übergossen.
5. Die weiße Faserkleidung (gaba), die Mädchen nach ihrer Beschneidung tragen, wurde früher auch von Frauen nach der Geburt eines Kindes getragen.
6. Der Hirsestab, den man dem Mädchen nach der Beschneidung übergibt, wird als ihr Kind (biik) bezeichnet.
7. Bevor der Stock übergeben wird, fragt man die Beschnittene, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen wolle {226}.8. Wenn der Stock später in einen Fluss geworfen wird, klagt das Mädchen: “Nyiam ta biik a taam, yoo!” (Das Wasser trägt das Kind fort, oh weh!)
9. Ein Hirsestab spielt auch bei Geburtsriten eine Rolle. Nach der Geburt muss die Frau rituell aus dem Gehöft herausgeführt werden. Dabei trägt sie einen Hirsestab, den man aus einem Strohdach gezogen hat.
10. Der Hirsestab steht symbolisch für die Klitoris, aber auch für das bei der Beschneidung geborene “Kind”, wie er auch bei der Entsorgung dieses Stabs genannt wird. Eine ähnliche Information erhielt auch Knudsen für die Bulsa (S. 149: …she grabbed the stick which is also a symbol for a child)
11. Nach der Beschneidung muss das Mädchen (im Gehöft) mit den gleichen Verwandten Asche blasen (pobsi) wie eine Wöchnerin, nämlich mit den leiblichen Eltern, dem nächstjüngeren Geschwister und eventuell mit dem Gatten.
12. Das beschnittene Mädchen muss die Sicht-Tabus einer Wöchnerin aus der Nachbarschaft respektieren.
13. Das beschnittene Mädchen soll, genau wie eine Wöchnerin, Speisen mit viel katuak (spice produced from water filtered through ashes) zu sich nehmen.
14. Bei der gaasika-Zeremonie sagt die Nachbarin: “Ich führe die gaasika einer Beschneidung (oder der Klitoris) aus, nicht die gaasika einer Geburt.”
15. Nach den gaasika-Riten trägt das Mädchen die gleiche Haarfrisur wie eine Mutter oder ein Vater, wenn diesen das erste Kind gestorben ist.
16. Es besteht der Glaube, dass ein beschnittenes Mädchen später eine leichte Geburt hat.
17. Eine unbeschnittene Frau erhält, ebenso wie eine Frau, die keine Kinder geboren hat, die Totenfeier eines Mannes. Knudsens Bulsa Informantin äußert sich so: “Also when I die, I shall be buried like a proper women”. Vielleicht ist diese Tatsache für eine Unbeschnittene, keine richtige Frau zu sein, in der folgenden Äußerung Knudsens enthalten (S. 45): “Technically, in some communities, an uncircumcised girl has no cultural status among her people”.

Einige der aufgeführten Übereinstimmungen sind nicht sehr überzeugend. Sie können auf Zufall beruhen (Leopardenlied) oder durch die Handlung selbst bestimmt sein, die sich nur so zweckmäßig ausführen lässt (Körperstellung, Kühlung des Körpers durch Überschütten mit Wasser) {227}.
Die übrigen Übereinstimmungen sind jedoch so signifikant, dass sie eine Erklärung verlangen. Bei den Bulsa ist es üblich, die Klitoris eines Mädchens als sein Kind (biik) zu bezeichnen. Damit erhält die Beschneidung den Funktionswert einer Geburt. Diese Sichtweise bleibt, sodass alle folgenden Handlungen bis zur Aussetzung des “Kindes” im Fluss als dramatischer Ablauf einer vorweggenommenen Geburt angesehen werden können. Ein wichtiger Schritt in diesem Ablauf ist die Ersetzung des Klitoris-Kindes durch das Stock-Kind, wobei die notwendige Gemeinsamkeit zwischen Klitoris und Stock ihre phallische Form ist. Während dem Mädchen ein (lebloser) Ersatz für die in einem Erdloch begrabene Klitoris gegeben wird, nimmt die soziale Umwelt an dem Mädchen Riten vor, die nach dem Tod eines Kindes ausgeführt werden (gaasika, kreuzförmige Haarrasur usw.), obwohl sich das Ersatz-Kind (der Stock) noch im Gehöft befindet.
Knudsen drückt diesen Sachverhalt für die Bulsa und Frafra so aus (S. 171):

The major public ceremony… comes after six months and their symbolic children have to be exchanged for real children. The millet stalks are then thrown into rivers, while the girls mourn, hoping for real children later on.

Erst viel später löst sich das Mädchen von dem Stock, der symbolhaft für die Klitoris und das erstgeborene Kind steht. Es ist das erste Mal, dass das Mädchen nicht nur Handlungen an sich erduldet, sondern selbst Handlungsträgerin wird. Sie spielt die ihr zugedachte Rolle im dramatischen Ablauf mit, wenn sie weiterhin den Stock als ihr Kind bezeichnet. Auch muss auffallen, dass es sehr leicht gewesen wäre, den brennbaren Stock im gleichen Feuer, in dem die Blätter am letzten gaasika-Tag verbrannt wurden, mitzuverbrennen und ihn so völlig zu vernichten. Die gewählte Art, den Stock loszuwerden, hat aber eher den Charakter einer Aussetzung (Das Wasser trägt das Kind fort, oh weh!), bei der für das “Kind” noch eine Überlebenschance besteht.
Es kann nicht Aufgabe dieser Arbeit sein, eine vollständige und endgültige Erklärung des oben geschilderten dramatisch-rituellen Ablaufs zu geben, da hierzu intensivere Einzeluntersuchungen auch bei Nachbargruppen notwendig wären. Erst recht soll hier nicht versucht werden, mit den neuen Fakten einer einzigen ethnischen Gruppe in die bisherige wissenschaftliche Diskussion [Endnote 21] über den Sinn der Beschneidungen einzusteigen und erneut für oder gegen einzelne Theorien Stellung zu nehmen, zumal gerade über die hier aufgezeigten Zusammenhänge zwischen Exzision und Geburt nur wenige Aussagen zu finden sind {228}.
Erwähnenswert für unsere Thematik scheinen mir jedoch einige Gedanken S. Freuds zu sein, die sich mit den Beziehungen zwischen Penis bzw. Klitoris und Kind beschäftigen. Freud glaubt, dass beim kleinen Mädchen aus der Erkenntnis der Klitorisminderwertigkeit der Wunsch nach dem Penis entsteht. Dieser Wunsch hat zuerst narzisstischen Charakter (Klitoris als Penisersatz), dann wird er auf den Penis des Vaters übertragen.

Erst später wandte sich die Libido des kleinen Mädchens dem Vater zu, und dann wünscht sie sich anstatt des Penis ein Kind [Endnote 22].

Auch das Kind wird nach Freud von der Frau als Penisersatz angesehen.

Es ist so, als ob diese Frauen begriffen hätten – was als Motiv unmöglich gewesen sein kann – dass die Natur dem Weibe das Kind zum Ersatz für das andere gegeben hat, was sie ihm versagen musste [Endnote 23].

Gerade diese letzte Aussage erinnert sehr stark an die oben beschriebenen rituellen Handlungen der Bulsa, in denen dem Mädchen, das gerade die auch von den Bulsa als phallisch gedeutete Klitoris [Endnote 23a] verloren hat, ein phallisches Symbol (ein Hirsestab) gegeben wird und dieses Symbol als Kind (biik) bezeichnet wird. Freud findet ein gemeinsames sprachliches Symbol für die Begriffe Penis, Kind und weibliches Genital:

Es kann nicht gleichgültig sein, dass beide, Kind und Penis in der Symbolsprache des Traumes wie in der des täglichen Lebens durch ein gemeinsames Symbol ersetzt werden können. Das Kind heißt wie der Penis das “Kleine”. Es ist bekannt, dass die Symbolsprache sich oft über den Geschlechtsunterschied hinaussetzt. Das “Kleine”, das ursprünglich das männliche Glied meinte, mag also sekundär zur Bezeichnung des weiblichen Genitals gelangt sein [Endnote 24].

Auch in Buli hat im Worte biik die Wurzel bi wohl die Bedeutung klein (vgl. bilik = klein). Wenn ich auch nicht allen Aussagen S. Freuds folgen kann, so ist es durchaus denkbar, dass auch die Bulsa bei den Beschneidungsriten unbewusst ähnlichen Gedanken folgen. Die Riten mögen dem Mädchen helfen {229}, den Verlust der Klitoris seelisch zu verschmerzen, indem man der Beschnittenen sofort als Ersatz ein “Kind” (biik) in der Form eines Stockes gibt; es soll dem Mädchen die rein weibliche Rolle, die es von nun an zu spielen hat, klar vor Augen führen.

Ergänzung 2022: Für meine Interpretation, dass die Klitoris auch die übertragene Bedeutung “Kind” (biik) hat und die Beschneidung einer vorweggenommenen Geburt entspricht, hatte ich 1973-74 nur relativ wenige Belege. Christiana Knudsen ist jedoch in ihren eingehenden Untersuchungen bei den Bulsa und anderen Ethnien zu ähnlichen Ergebnissen gekommen.
Ohne Bezug auf die Bulsa [für ganz Nordghana?] schreibt sie (S. 198):

The clitoris, symbolically supposed to be a child, is analogous to a man’s ‘child’, the penis, the precious masculine characteristics in a woman. When the clitoris is sacrificed [F.K. to the Sky-God?] the feminine characteristics dominate…

Nach der Beschneidung erhält das Bulsa-Mädchen ein “Ersatzkind”, den Hirsestab (S. 148f.):

…After that a woman handed a millet stick, about one metre long, to the circumciser and she in turn threw it at the circumcised girl after she had asked a question and the girl had answered… Later on I heard that she [the excised girl] made a wish for children, while she grabbed the stick which is also a symbol for a child.

Für die Frafra und Bulsa berichtet Knudsen (S. 171):

The major public ceremony… comes after six months and their symbolic children have to be exchanged for real children. The millet stalks are then thrown into rivers, while the girls mourn, hoping for real children later on.

Andere Riten, wie sie hier im Kapitel über die Geburt beschrieben wurden, finden nach Knudsen bei den Bulsa auch nach der Beschneidung statt. Das von ihr auf S. 151 beschriebene Ritual, in dem das beschnittene Mädchen viermal Hirsewasser aus einer Kalebasse trinkt und den Trank in vier verschiedene Richtungen wieder ausspuckt, entspricht dem gaasika-Ritual (siehe  4.3). Ein Ascheblasen (pobsika) wird von dem beschnittenen Bulsa Mädchen nach Knudsen (S. 153) mit bestimmten Personen im Gehöft ausgeführt.

 

6. EINSTELLUNG DER BESCHNITTENEN MÄDCHEN ZUR EXZISION

Um eine gültige Aussage über die Einstellungen der beschnittenen Bulsa-Mädchen – eventuell in verschiedenen Lebensaltern, in verschiedenen Positionen (Schülerin – Analphabetin) usw. – machen zu können, müsste ein echtes Sample von Mädchen und Frauen befragt werden. Ich glaube, dass eine solche Untersuchung nur von einem Team instruierter, möglichst weiblicher Bulsa durchgeführt werden könnte. Jedenfalls ginge sie weit über den Rahmen dieser Arbeit hinaus.
Trotzdem habe ich an 15 aussagebereite, beschnittene Schülerinnen und Schulabsolventinnen die folgende Frage gestellt: “What do you think about your excision today?” Keineswegs sollen hier die Antworten quantitativ ausgewertet werden, doch mag es angebracht sein, exemplarisch einige mögliche Einstellungen wiederzugeben, die vielleicht auch einmal für eine spätere quantitative Untersuchung von Nutzen sein können.

6.1 Positive Einstellung zur Exzision
Für eine positive Einstellung zur Beschneidung sind neben dem Bericht des Mädchens aus Sandema-Kori, aus dem bereits zitiert wurde (S. {202]), die Ausführungen Agaalies bezeichnend. Wie oben bereits an einem Zitat gezeigt wurde (S. {213}), wird ständig versucht, die negativen Seiten (Schmerz, Gefahr usw.) herabzuspielen. Hierin unterscheidet sie sich von anderen Informantinnen, die trotz des zugegebenen großen Schmerzes, den sie erlitten, Beschneidungen befürworten und stolz darauf sind, dass sie beschnitten sind.
Agaalie äußerst sich im Schlussteil ihres Tonbandberichtes, der einige Male durch lautes Lachen unterbrochen wird {230}:

Since my mother is excised, I must also be excised. lf I am not excised I am a coward. As I am excised today and I am sitting down like this I am very happy. lt is very nice. As my mother is excised, it looks that I am now also a woman.

Ein Mädchen aus Sandema-Balansa-Bagubsa schreibt in ihrem Bericht:

I was very happy. I am still very happy that I was excised, because it was from the old days that a girl should be excised.

Azuma (Wiaga-Chiok) äußert sich in einem mündlichen Interview folgendermaßen:

Since I did excision, if they say I should do it again, I will like it. Excision is helping people. lf you are excised and then you go to any place and die or you do anything, they will always perform the funeral or whatever is wrong, correctly. Now if they talk of excision, I like it.

Eine andere Schülerin aus Wiaga-Chiok schreibt:

After my excision I am very fat, (fatter) than (at) the time (when) I was not yet excised. I am very glad to say that (at) the time I was not yet excised, my friends who were excised, laughed at me. And I also was very thin, but now I am very fat.

6.2. Indifferente Haltung
Einige der befragten Mädchen nehmen heute eine indifferente Stellung zu ihrer Beschneidung ein. Oder wollen sie ihre wahre Einstellung nicht zeigen? Wenn sie selbst einmal Töchter haben, sollen diese Töchter selbst entscheiden, ob sie beschnitten werden wollen oder nicht. Sie selbst wollen ihnen weder zureden noch abraten.

6.3. Ablehnende Einstellung zur Exzision
Zwei der befragten Mädchen lehnen Beschneidungen heute entschieden ab. Beide hatten Schwierigkeiten bei ihrer ersten Geburt und führen diese auf ihre Exzision zurück.
Ein Mädchen aus Sandema-Kalibisa hatte schon vor der Beschneidung eine ablehnende Haltung {231}:

I was not happy to be excised, but my parents forced me. I lost two of my children and I was told that it was because of the excision. So I am not happy.

Folgende Einstellung hat ein Mädchen aus Sandema-Kandem:

I would not like to be excised again, after all I heard that the excision makes women to become older in undue time, because they have lost much blood, and when you give birth you have to lose more blood. So I don’t think that if I were not excised I would have liked to be excised again. I wish I had not done it.

Die etwa 30jährige Aguutalie äußert sich in einem Gespräch, dass sie damals nach ihrer Beschneidung sehr stolz war, doch heute denkt man anders darüber. Ihre Töchter sollen selbst darüber entscheiden, ob sie sich der Exzision unterziehen. Aguutalie selbst würde sich heute nicht mehr beschneiden lassen.

7. EXZISION UND SCHULE

Im Schuljahr 1972/73 waren von den 42 Schülerinnen der Sandema Continuation Boarding School 3 beschnitten, im Schuljahr 1973/74 war es nur noch ein Mädchen. An der St. Martin’s School (Wiaga) waren im Schuljahr 1972/73 von 92 Schülerinnen 11 beschnitten, im folgenden Schuljahr gab es bei fast gleichbleibender Schülerinnenzahl (87) nur noch 4 beschnittene Mädchen, von denen 3 in der Abschlussklasse waren. Als G. Achaw im Jahre 1960 sein Examen an der Sandema Middle Boarding School machte, waren nach seiner Aussage fast alle Mädchen spätestens ab Form 3 beschnitten.
Welche Gründe mögen die Schülerinnen gerade in jüngster Zeit abhalten, sich beschneiden zu lassen? Talata, eine Schulabsolventin, legt ihre Einstellung im folgenden Bericht dar:

I was not excised, because there is no difference between the excised and the unexcised. Whether you have been excised or {232} not, you still have to give birth alright. And I have been hearing that those that have been excised, often found it difficult to bring forth, because sometimes the circumciser may make a mistake, and when the mistake happens, then the sore will not heal alright and may block up the hole of the birth contractor. At this (if this happens) you have to go to hospital. An operation may take place. This is a trouble you have invited for yourself. So to me, I would say that every girl at the age of excision should not agree to her parents or husband, when she is asked to leave the school and be excised. I was asked to leave the school and be excised by my parents, and I refused. They did all that they could in order to get me out of the school and be excised but failed. At that time I was in form four at the age of 15 years. In September 1972, when we were on holidays, I went to Tamale to spend my holidays there. That was to help me escape from my parents not to see me to be excised. And when the vacation was over, I came back to Sandema. I have (had?) a boy friend, a teacher, who taught me in form one. He wanted to marry me, and he has (had?) been visiting my parents with drinks and money. And my parents told him that they will excise me before (they) allow me to marry him. But as I refused to do so, my boy friend told me that he would not marry me, again because I did not take the advice of my parents. lt will be the same with him when he marries me. I will not take his advice too. So I told him that I do not worry about it. You are not the only man in the world. lf you don’t marry me, I will get a (another) husband. I disagreed (with) him and (I, he?) went away shamely (ashamed).

Die psychische Situation, in der sich die Informantin entscheiden musste, sollen in einem Diagramm veranschaulicht werden (s.u.) {233}

{234} Die durch einen durchgezogenen Pfeil gekennzeichneten Einwirkungen (Angst vor gesundheitlichen Schäden, sexuelle Befriedigung und “Versorgtsein”, Gehorsam gegen die Eltern und die traditionelle Gesellschaft) mögen auch bei einem nicht durch die Schule oder die europäische Kultur beeinflussten Mädchen Entscheidungen mitbestimmen. Durch den Einfluss der Schule erhalten jedoch diese Motivationen eine Verstärkung oder eine Abschwächung (gestrichelte Linien). Die Angst vor einer gesundheitlichen Schädigung wird durch den Schulbesuch verstärkt. Die Motivation mancher Analphabetinnen, dass die Exzision eine leichte Geburt bewirkt, ist in ihr Gegenteil verkehrt worden, die Geburt kann schwieriger und gefährlicher werden [Endnote 25]. Einen Ausweg bietet nicht mehr eine Juju-Medizin oder Opferhandlungen, sondern das Krankenhaus. In einem Streitgespräch über diesen Punkt mit Analphabeten wird Talata leicht siegen, denn nur sie kann eine medizinische Erklärung für ihre Behauptung geben (Blockierung der Geburtshöhle durch eine Beschneidungswunde). Sie hat ihr Wissen, oder doch wenigstens ihre modern-medizinische Denkweise aus dem Hygiene-Unterricht der Schule.

Talatas durch medizinische Gründe gewonnene Einstellung gegen die Beschneidung muss zwei Gegenkräften standhalten: dem Druck ihrer Eltern und der traditionellen Gesellschaft und ihrem Wunsch, den geschätzten Freund zu heiraten. In ihrer Abwehr kommt ihr wieder die Schule zur Hilfe. Talata hat gar keine Zeit für eine Beschneidung, denn sie muss ja jeden Morgen zur Schule gehen. Darum drängen ihre Eltern sie zunächst, die Schule zu verlassen, wenn auch nicht ganz klar wird, ob sie die Schule für immer verlassen soll oder nur zum Zweck der Beschneidung. Die kommenden Ferien scheinen eine Kompromisslösung (Beschneidung ohne Unterrichtsverlust) zu bringen. Aber wie die meisten anderen Schülerinnen und Schüler verlässt Talata auch in kurzen Ferienzeiten das Bulsa-Land. Als Schülerin mit Englischkenntnissen, mit einem größeren Bekanntenkreis außerhalb des Heimatdorfes und mit “besseren” Umgangsformen ist es ihr eher möglich, dem elterlichen Wirkungskreis zu entfliehen.
Größere Schwierigkeiten wird Talata gehabt haben, auf die Ehe mit einem geschätzten Mann zu verzichten. Ihre eigene Abwehrformulierung (You are not the only man in the world. lf you don’t marry me, I will get another husband) klingt nicht nur sehr emanzipiert, sondern {235}
auch ausgesprochen europäisch, fußt aber auch auf der Tatsache, dass in einer polygynen Gesellschaft Frauen keine Schwierigkeiten haben, einen Mann zu finden. Als Mädchen mit Schulbildung wird Talata außerdem mit Leichtigkeit einen anderen gebildeten (educated) Mann zum Gatten bekommen.
Die bisher diskutierten Motivationen und Gegenmotivationen mögen für eine ganze Generation von Schülerinnen, die zur Beschneidung gedrängt werden, zutreffen. Unser Beispiel wird jedoch noch dadurch verkompliziert, dass Talatas Bewerber Lehrer ist, sogar ihr eigener früherer Lehrer, durch den Talata in das Leben an der Middle School eingeführt worden ist. Dieser Lehrer, von dem man erwartet, dass er die “moderne” Ansicht zur Beschneidung vertritt, wie es auch bei den meisten Lehrern der Fall ist, wird plötzlich ein Exponent der traditionellen Gesellschaft und verbündet sich mit den Eltern des Mädchens. Wie der Bericht Talatas zeigt, konnte jedoch auch diese Verbindung ihren einmal gefassten Entschluss nicht ändern.
Wenn auch die meisten männlichen Schulabsolventen sich in Gesprächen abfällig über Exzisionen äußern, sprechen doch einige Tatsachen dafür, dass viele immer noch ein beschnittenes Mädchen als Sexualpartnerin vorziehen [Endnote 26]. Auf eine direkte Frage an einen Gesprächspartner, ob er lieber ein beschnittenes oder unbeschnittenes Mädchen heiraten würde, erhält man oft die Antwort, dass es ihm (dem Informanten) persönlich gleich wäre, dass jedoch die meisten Schüler lieber ein beschnittenes Mädchen heiraten würden.
Lehrer an Mittelschulen versuchen in ihrer Rolle als Lehrer gewöhnlich nicht, auf die Entscheidung der Schülerin einen Einfluss zu nehmen, und meistens ist auch ihr Wissen darüber, welche Mädchen beschnitten sind, sehr gering. Als ich in einer Versammlung des Lehrerkollegiums das Gespräch auf die Exzision brachte, wusste keiner der sechs männlichen Lehrer die Namen der beschnittenen Schülerinnen der Schule, nur der Direktor konnte ein Mädchen nennen, das aus dem gleichen Dorf kam wie er selbst. Ein Lehrer aus Südghana, der schon einige Jahre bei den Bulsa arbeitete, sagte, dass er erst vor kurzer Zeit erfahren habe, dass es Exzisionen in Nordghana gibt.
Fragt man andere Schülerinnen, warum sie sich nicht beschneiden ließen, so erhält man oft die Antwort, dass sich nur Analphabetinnen {236} beschneiden lassen. Sie selbst sähen keinen Sinn darin. Die Unbeschnittenheit ist also fast schon ein Statussymbol für Schülerinnen geworden, während sie früher ein Kennzeichen für “Feiglinge” war.
Es mag auch eine Rolle spielen, dass viele der Schülerinnen längere Zeit im Süden Ghanas gelebt haben und wohl alle Schülerinnen einer Middle School den Süden sehr gut durch Besuche und längere Aufenthalte kennen. Im Süden gilt jedoch der Brauch einiger nördlicher Ethnien, ihre Mädchen zu beschneiden, als barbarisch, und von der südlichen Hauptstadt aus wurde dieser Brauch verboten.
So mag man vielleicht die Frage stellen, warum sich überhaupt noch Schülerinnen beschneiden lassen. Mehrere (unbeschnittene) Mädchen gaben mir übereinstimmend die folgenden beiden Gründe: auf Druck ihrer Eltern hin und um für viele männliche Bulsa begehrenswerter zu sein [Endnote 27]. Falls nur diese beiden Gründe ein Mädchen zur Beschneidung bewegt haben, besteht gewöhnlich kein Grund mehr, stolz auf die eigene Beschneidung zu sein oder sie offen zu bekennen. Wie aber einige angeführte Zitate (vgl. S. {230}) zeigen, können gerade Schülerinnen zu außerordentlich heftigen Verfechtern der Exzision werden. Dann werden in der Rechtfertigung auch alle alten Argumente wieder benutzt (Es war schon immer so; unbeschnittene Mädchen sind eigentlich Männer; Beschneidung verschafft eine leichte Geburt usw.).
Ein Schüler der St. Martin’s Middle School (Wiaga) berichtet, dass in seiner Klasse (Form 3) drei Mädchen hintereinander in den Jahren 1971, 1972 und 1973 beschnitten wurden. Als sie jeweils nach einer Zeit des Fehlens wieder in die Klasse kamen, hat man ihnen dort ein herzliches Willkommen bereitet. Zotige Bemerkungen oder Hänseleien wären ganz undenkbar gewesen. Vielmehr beschimpften diese drei Mädchen die unbeschnittenen Schülerinnen der Klasse, dass sie Feiglinge seien.
Aus dem bisher gesagten wird klar, dass die meisten Schülerinnen ein stark emotional aufgeladenes Verhältnis zur Exzision haben. Die meisten unbeschnittenen Mädchen finden die Beschneidung “primitiv” und nutzlos, sie ist eine Sache der Analphabeten. Einer Schülerin kann man höchstens eine Exzision nachsehen, wenn sie zu stark von ihren Eltern oder ihrem zukünftigen Gatten gedrängt wird. Ihren beschnittenen Mitschülerinnen gegenüber äußern jedoch die Unbeschnittenen ihre Meinung meistens aus {237} Höflichkeit nicht. Ein Teil der beschnittenen Schülerinnen mag dieses Schweigen aus Höflichkeit als Affront empfinden und daher selbst aggressiv werden, wie das Beispiel aus Wiaga zeigt. Obwohl ich persönlichen Kontakt zu zwei der erwähnten beschnittenen Schülerinnen hatte, war es mir doch nicht möglich zu ergründen, ob ihre polemische Haltung einer inneren Überzeugung entsprach oder ob sie nur als Schutzmaske gebraucht wurde.
Ein anderer Teil der beschnittenen Schülerinnen empfindet eine tiefe Scham über ihre Beschneidung. Dies zeigte sich mir besonders, als ich einer Schülerin der Sandema Boarding School, mit der ich vorher schon lange Gespräche über andere Themen (Stammesnarben, Schülerfreundschaften usw.) geführt hatte und die überall als jungenhaft ausgelassen und sehr aufgeschlossen galt, einige Fragen über ihre Beschneidung stellen wollte. Sie bekam einen Weinkrampf und konnte kein Wort sprechen. Obwohl ich auf die Information verzichtet habe, ist sie mir seitdem aus dem Wege gegangen.
Auch eine andere der drei beschnittenen Schülerinnen der Sandema Boarding School hat jedes Gespräch über ihre eigene Beschneidung vermieden, obwohl sie mir bei meinem Besuch der Beschneidungsfeier in Fumbisi als Dolmetscherin geholfen hat und allgemeine Fragen über den Ablauf von Beschneidungsfeiern ohne große Scheu beantwortet hat. Die drei Schülerinnen, die verschiedenen Klassen angehörten, waren untereinander nicht befreundet, jede hatte ihre eigenen Freundinnen. Wenigstens zwei von ihnen können als keineswegs traditionalistisch gesinnt bezeichnet werden. Sie zeigten einen starken Hang zu allem, was südghanaisch oder europäisch war. Ein Mädchen sprach sogar sehr abfällig über die traditionelle Kultur der Bulsa und würde gerne in Europa wohnen {238}.

 

8. JUNGENBESCHNEIDUNG

Beschneidung der männlichen Vorhaut (amputatio praeputii, circumcisio totalis) gab es früher bei den Bulsa nicht. Ausgenommen waren natürlich die wenigen Moslems, die ihre Söhne schon in den ersten Lebenswochen beschneiden ließen. Wenn heute die Jungenbeschneidung gerade bei der jungen Schülergeneration immer populärer wird, so liegt der Grund hierfür wohl weniger in einem islamischen Einfluss, sondern in Einwirkungen der südlichen Akan-Völker, soweit sie die Zirkumzision ausüben. Die heute beschnittenen Bulsa haben auch sehr häufig eine längere Zeit im Süden gelebt oder haben die Absicht, sofort nach dem Examen für längere Zeit in den Süden zu ziehen.
Warum wollen sich diese Jungen beschneiden lassen? Ein etwa 30jähriger unbeschnittener Bulo, der selbst lange Zeit im Süden war, gab eine kurze, aber keineswegs unzutreffende Antwort auf diese Frage. “They want to chase girls. And many girls like it” [Endnote 28]. Wenn auch manche Jungen und Männer auf hygienische Gründe für eine Zirkumzision hinweisen, so scheint mir doch die Aussicht, durch die Beschneidung eine größere Auswahl an weiblichen Sexualpartnern zu haben, der wichtigste Beweggrund zu sein. Hierfür spricht auch, dass mehrere Bulsa Schülerinnen (allerdings mit Süd-Erfahrungen) spontan behaupteten, dass sie lieber einen beschnittenen Mann heiraten würden, und die Aussage älterer Bulsa, dass beschnittene Männer von keiner Bulsa-Frau geheiratet würden, scheint heute überholt zu sein.
Ayarik, der bei seinen Eltern in Kumasi aufgewachsen ist, dann aber zu seinem Großvater nach Wiaga-Tandem geschickt wurde, um den Bulsa-Traditionen und der Bulsa-Sprache nicht ganz entfremdet zu werden, berichtet folgendes über seine Beschneidung:

One day I came to Mampong to visit my brother. There I had two Ashanti friends. These friends were able to convince me to have my bath with them. They were able to realize that I was not circumcised. After bathing they asked me why such a thing has been with me. So I told them: “It is not usually done {239} in our town”. They told me, if I went back, I should do it or I could not find a Fanti or Ashanti girl to have intercourse with me.
So when I was in the North [Endnote 29] I went to Navrongo Hospital. I had to pay 2.10 Cedis. My father sent me the money, but he did not know what I was doing. My grandfather did not know. He sent my younger brother when I had my bath and he told my grandfather. My grandfather said: “You are the only one in our family.” He was not happy about it. He said, if my wife should bring forth a child, I should not circumcise it. Because my grandfather told me, he did not like it, I did not do it with my boy [Endnote 30] . lf the child grows up, he can do it if he likes…
I had to do it [Endnote 31], because it was not good for me to be in that form of life. And today they have seen that it is true and I have seen that many of my tribe now try to circumcise, and it is good for every man.

Ayariks Klasse in der St. Martin’s Middle School von Wiaga hatte zur Zeit seiner Beschneidung (1965) 36 Jungen und 4 Mädchen. Von den 36 Jungen hatten sich 6 als Schüler beschneiden lassen, 4 im Süden, 2 (Ayarik eingeschlossen) im Krankenhaus von Navrongo. Von den 4 Mädchen waren 3 beschnitten.
G. Achaw, der 1960 die Abschlussprüfung der Sandema Middle Boarding School ablegte, sagt, dass bei seiner Schulentlassung 2 Jungen seiner Klasse beschnitten waren; sie wurden deswegen häufig gehänselt. Da G. Achaw noch mit vielen Schülern seiner Klasse in Verbindung steht, kann man seiner Aussage einigen Glauben schenken, wenn er behauptet, dass etwa 3/4 der Jungen seiner Klasse heute (1974) beschnitten sind. In neuerer Zeit werden bei den Bulsa auch unbeschnittene Jungen/Männer beleidigt, indem zum Beispiel ihr Penis (und auch die ganze Person?) als yoari fuok (wörtlich: Penis mit einer Tasche) bezeichnet werden.
Durch diese und andere Aussagen kann man zu der Vermutung kommen, dass die Mädchenbeschneidung (Exzision) sich im Rückzug befindet, die Zirkumzision bei den Bulsa aber wohl in letzter Zeit stark an Boden gewonnen hat.
Vergleicht man die im Krankenhaus durchgeführte Jungenbeschneidung [Endnote 32] mit der Exzision, wie sie bei den Bulsa durchgeführt wird, so fallen auf fast allen Gebieten diametrale Gegensätze auf {240}:

1. Jungenbeschneidung ist legal, Mädchenbeschneidung durch den Staat verboten.
2. Die Jungenbeschneidung beruht auf einem Fremdeinfluss jüngster Zeit, die Exzision hat bei den Bulsa eine lange Tradition und ist in ihrem sozialen und religiösen System verankert [Endnote 32b].
3. Das Elternhaus leistet gewöhnlich Widerstand gegen den Wunsch eines Jungen zur Beschneidung, während das Mädchen oft von den Eltern zur Beschneidung gedrängt wird.
4. Die Sexualoperation des Jungen vollzieht sich fast schmerzlos in einer Narkose, während die Schmerzen des Mädchens am Rande des Erträglichen liegen.
5. Die Entfernung der männlichen Vorhaut wird ohne große Gefahr für spätere gesundheitliche Schäden unter relativ hygienischen Bedingungen ausgeführt, während bei Exzisionen ein tödlicher Ausgang (in der Trockenzeit 1973/74 waren es zwei) oder lange und schwere Komplikationen nicht außergewöhnlich sind.
6. Die Jungenbeschneidung wird im Krankenhaus der Distriktshauptstadt oder in einer Stadt Südghanas ausgeführt, die Exzision in ländlicher Umgebung im Kreise von Verwandten.
7. Die Abtrennung der männlichen Vorhaut wird von einem wissenschaftlich ausgebildeten Arzt vorgenommen. Der Arzt gilt ebenso wie der Lehrer als Exponent der modernen von Europa beeinflussten Kultur. Die Exzision wird von Vertretern der traditionellen Kultur, versehen mit reichlichem rituellen Beiwerk, durchgeführt.
8. Es ist vielen Bulsa sogar bekannt, dass die Zirkumzision auf der Erde eine recht starke Verbreitung gefunden hat. Sie wird mit den Hochreligionen Islam und Judentum verbunden, und einige wissen sogar, dass die Zirkumzision aus hygienischen Gründen in den Vereinigten Staaten stark verbreitet ist. Die Exzision dagegen wird von gebildeten Bulsa gedanklich mit rückständigen afrikanischen Stämmen assoziiert [Endnote 33].

Fragt man sich nach den Gemeinsamkeiten der beiden Sexualoperationen in ihrem sozialen Zusammenhang, so bleibt als einziger wichtiger Faktor die Tatsache, dass beide Operationen dem Behandelten größere sexuelle Gratifikationen verschaffen können. Bei der Einordnung in eine Wertskala würde fast jeder Bulo den beiden Beschneidungen wohl einen recht unterschiedlichen Stellenwert zuweisen {241}.

 

ENDNOTEN (BESCHNEIDUNG) 

1aNnaemateka 2005: 30-33, nach Wikipedia Female Genital Mutilation, p. 19-20.

1bUm die Anonymität der Mädchen zu wahren, wurden die Namen der Hauptinformantinnen verändert.

2Mein anfänglicher Versuch, alle beschnittenen Mädchen der Sandema Continuation School und der St. Martin’s Middle School Wiaga zu interviewen, glückte nicht, da die Verweigerungsrate in Sandema 100 % betrug. In Wiaga stellten sich (1974) von den 4 beschnittenen Schülerinnen 3 einem Interview. Ein Grund für die Verweigerungen in Sandema mag darin gelegen haben, dass ich selbst an der Schule unterrichtete.

3Vgl. F.R. Lehmann, ‘Bemerkungen zu einer neuen Begründung der Beschneidung,’ Sociologus, N.F., 7 (1957), S. 57-74.

3aDiese Begründung wurde zwar nur einmal von einer Informantin genannt, spielt aber wahrscheinlich trotzdem eine große Rolle, wenn man in Betracht zieht, eine wie große Bedeutung die Bulsa einer “standesgemäßen” Bestattungsfeier zumessen. Eine ältere unbeschnittene Frau erhält, ebenso wie verheiratete Frauen, die in ihr Elternhaus zurückkehrten und dort auch starben, nicht etwa die aufwändige Bestattungsfeier eines alten Mannes, sondern die eines Jugendlichen, und auch nur jüngere Leute nehmen vor allem an einer solchen Feier teil (Inf. Ayarik aus Tandem-Zuedema).

3bLes Rites de Passage, S. 13 f.: Étant donnée l’importance de ces passages, je crois légitime de distinguer une catégorie spéciale de Rites de Passage, lesquels se décomposent à l’analyse en Rites de séparation, Rites de marge et Rites d’agrégation. Ces trois catégories ne sont pas également développées chez une même population ni dans un même ensemble cerémoniel.

3cNach P. Mercier (‘The Social Role of Circumcision among the Besorube,’ American Anthropologist, 53. 1951: 335) werden bei den Besorube (Nord-Dahomey) Jungen “according to the seniority of their lineages within the clan” beschnitten.

4Wuliing: ein schriller, heller Schrei, der von Frauen auf Festen, bei Reden, bei der Ausführung von Riten usw. als Zeichen erhöhter Erregung, als Zustimmung oder zur Andeutung eines Höhepunkts in einer Handlungsfolge ausgestoßen wird.

5Es ist die gleiche Stellung, wie sie bereits für die gebärende Frau beschrieben wurde.

6Weerik (Sandema Dialekt: yuerik) wird von Bulsa oft fälschlich mit “lion” übersetzt. Das Fell der Zibetkatze (Viverra civetta) hat Ähnlichkeit {365} mit dem eines Leoparden. Dem Ameisenbären (Orycteropus afer) schreibt man große Ausdauer, Kraft und List zu.

7Früher war es stets das kleine traditionelle Messer poning, das auch für andere Rasuren (ponika) verwandt wird, nicht das große Messer gebik, das z.B. zum Schlachten von Tieren gebraucht wird.
Die Benutzung eine Hakens (small metal hook) wird auch von Knudsen (1994:148) für die Bulsa bestätigt.

8Der folgende Bericht, den die Schülerin mündlich in Buli abgab, wurde versehentlich von meinem Helfer Augustine Akanbe sofort ins Englische übertragen, ohne dass er zuerst den Buli-Text transkribierte.

9Agaalie (Name geändert!) sprach den Text in Buli auf mein Tonband. Übersetzung: G. Achaw.

10Dieser Ausdruck wurde von mehreren Bulsa unabhängig mit “future baby” übersetzt, ohne dass der Begriff ngabiik ganz geklärt werden konnte.
kinkari = Hirsestock, biik = (männliches) Kind, nga = ? Deutungen: Partikel für “Zukunft”? Kurzform von ngari = beschneiden’! Kurzform von nga(a)ng = Rücken, Enkel?

11Originaltext: Ate wa ta kinkari a jam ate wa ja a yueni ain ma yaalika nidoa yaa nipok ate n yueni ain ba meena. – Übersetzung: Und er hielt den Hirsestock und sagte, ob ich einen Jungen oder ein Mädchen wünsche und ich sagte, dass ich sie beide (wünsche).

12Baribee = Klitoris (bee angeblich sprachverwandt mit biik; Kurzform? Es kann aber auch bie, ‘Kern’ bedeuten); saratata oder sasasa oder sarr ruft man Hunden zu, wenn sie auf etwas angesetzt werden (deutsch etwa: “Fass!”). Die Mädchen sollen fortlaufen, damit die Klitoris nicht wieder zu ihrem alten Platz zurückkehrt.

12aNach anderen Informationen besteht für die verheiratete Frau auch zu den Eltern ihres Mannes ein Sichtverbot. 1988 unterzogen sich die beiden beschnittenen Frauen nur (einzeln) einer pobsika mit ihrem jeweiligen Ehemann, da ihre Blutsverwandten ja in einem anderen Gehöft wohnten. Möglicherweise wurden dort noch einige pobsika-Riten nachgeholt.

13Das früher für Bulsa-Frauen allgemein verbindliche Speiseverbot von Hühnern und Hühnereiern wird heute nur noch wenig respektiert.

14Posidi (Pl. posa) ist eine 10-20 cm hohe Pflanze aus der Familie der Compositae. Hauptwachstumszeit ist angeblich die Trockenzeit.

15″Watte” wird aus den Früchten des Kapok-Baumes (Buli: gong, Pl. gongsa; lat. Ceiba pentandra; engl. silk- cotton tree) gewonnen. Die Watte dieses Baumes wird auch von menstruierenden Frauen als “Tampon” gebraucht {366}.

16Vitex Cienkowskii (nach L. Melançon – A. Prost, Dictionnaire Buli – Français). Besteht eine sprachliche Verbindung zwischen ngara (Pl.; eigentlich: Früchte des genannten Baumes) und ngari (beschneiden)?

17Yabi(i)k (Pl. yabsa) heißt eigentlich “Klitoris”, kann aber auch für die Beschneidungswunde und für das “recently excised girl” gebraucht werden. Eine häufige Bezeichnung für ein beschnittenes Mädchen ist sukuuk (Pl. sukuusa, Hausa?). Knudson (S. 146) nennt beschnitttene Bulsa Mädchen auf S. 246 sekusa, an anderer Stelle (S. 162) serawa.

17aKnudsens Bulsa Informantin sprich sehr ungenau von einem “special hair shaving with patches”.

18Es gilt als ein schlimmes Vergehen, wenn das Mädchen zwischen Beschneidung und (letzter) gaasika Geschlechtsverkehr hatte, denn hierdurch wird kann sich auch die Helferin (fobro) eine Augenkrankheit zuziehen.

19Z.B.: V. Popp in: V. Popp (Hg.): Initiation, Zeremonien der Statusänderung und des Rollenwechsels, Eine Anthologie (Frankfurt, 1969), S. 8. Vgl. auch van Gennep, Les Rites de Passage, S. 93 ff.

20In der ethnographischen Literatur Westafrikas scheinen ausführliche Beschreibungen von Exzisionen nicht sehr zahlreich zu sein. Gerade über die den Bulsa benachbarten Stämme erscheint in der einschlägigen Literatur (s. Einleitung und Literaturverzeichnis!) gewöhnlich nur ein kurzer Hinweis über das Vorhandensein oder Fehlen der Exzision.
Nach dem Erscheinen der ersten Auflage dieses Buchs sind zahlreiche neue Publikationen erschienen. In der Neuauflage wurden allerdings nur Werke berücksichtigt, die sich auch wenigstens kurz mit den Bulsa Beschneidungen befassen (zum Beispiel Dinslage 1981 und Knudsen 1994). Ein Vergleich der Beschneidungsriten anderer Ethnien sowie ihre Neuwertung muss einer späteren Publikation vorbehalten bleiben.

21Vgl. B. Bettelheim (1954), J. Brown (1963), F. Bryk (1931), F. Herrmann (1961), Ad. E. Jensen (1933), F.R. Lehmann (1957). Nähere Angaben s. Literaturverzeichnis!

22S. Freud, ‘Das Tabu der Virginität,’ Gesammelte Werke, Bd. XII, 1940ff: 176.

23S. Freud, ‘Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik,’ Gesammelte Werke, Bd. X, 1940ff: 405.

23aAyarik (Tandem-Zuedema) schrieb mir in einem Brief: I have ever heard that when a girl does not cut the clitoris and she marries, it seems she is also having a penis and that means she is not yet a woman until the clitoris is cut off that she becomes a woman.

24S. Freud, ‘Über Triebumsetzungen,’ S. 404.

25F.R. Lehmann (Sociologus 1957: 68) schreibt dazu: “Von Missionsseite erhielt ich auch über die Dschagga am Kilimandjaro die Auskunft, dass durch die Beschneidung der weiblichen Personen die inneren Schleimhäute der Vulva durch Vernarbung unelastisch werden können, was zu Schwierigkeiten bei Erstgebärenden und zum Tod der Erstgeburt führen kann.” {367} Ähnliche Aussagen macht E. Haaf (Die Kusase, S. 51). Diese Behauptungen treffen vor allem zu, wenn auch die Labien beschnitten werden.
Eine Bulsa Krankenschwester berichtete mir, dass die Vagina durch Beschneidungsnarben unelastisch werden und daher die Geburt erschweren. Andererseits wird eine Geburt nach einer Beschneidung weniger schmerzhaft.

26Eine entsprechende Untersuchung zum Beispiel an den Middle Schools, steht noch aus. Bei einer von mir durchgeführten Fragebogenaktion an diesen Schulen baten mich einige Lehrer und Direktoren, Fragen nach der Beschneidung auszulassen, da ich dadurch die Schüler(innen) in Verlegenheit brächte.

27Dies sind zwei Argumente, die auch in den Überlegungen Talatas eine sehr große Rolle spielen.

28Mit “it” ist die Beschneidung der Vorhaut gemeint.

29Ayarik ging zu jener Zeit (1965) zur Middle School und war 16 Jahre alt.

30Untergruppen der Fanti und Aschanti beschneiden ca. 2 Wochen nach der Geburt. Ayariks Sohn war z.Z. der Information 3 Monate alt. Knudsen (S. 29) schreibt, dass (nach William Bosman?) die männliche Beschneidung nur bei den Ga vorkommt.

31Gemeint ist seine Beschneidung (“it”).

32Nur relativ wenige Bulsa-Jungen gehen zu einem Moslem, der sich auf Jungenbeschneidungen versteht. Für diesen Ausnahmefall gelten die unten aufgestellten Thesen nur teilweise.

32aDie Behauptung einiger Bulsa, dass die Exzision (schon vor 1974) in den Acts of Ghana (zentrale Gesetzessammlung) als illegal erklärt worden sei, konnte nicht bestätigt werden (Inf.: Justizbeamte des High Court, Accra). Nach E. Haaf (Die Kusase, S. 51) ist sie durch die Gesundheitsbehörden verboten worden.
1994 wurden durch den Act 484 weibliche Beschneidungen für ganz Ghana verboten und unter Strafe gestellt.

32bDies zeigt sich zum Beispiel darin, dass [2022: angeblich] unbeschnittene Frauen nicht die Bestattungsfeier einer erwachsenen Frau erhalten.

33Auch die Ausübung der männlichen Beschneidung ist in vielen Ländern umstritten. In Deutschland legalisierte der Bundestag am 12. Dezember 2012 die “nicht-therapeutische Vorhautentfernung an Jungen aus jeglichem Grund”.
Auf der Wikipedia website über “Female Genital Mutilation” werden im Abschnitt über die “male circumcision” (S. 21) auch die Einstellungen einiger großer medizinischer Organisationen so erwähnt: “The positions of the world’s major medical organizations range from the view that elective circumcision of male babies and children carries significant risks and offers no medical benefits, to a belief that the procedure has a modest health benefit that outweighs small risks.

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